Keine Angst vor Han Kang! Von außen mag das Werk der Literatur-Nobelpreisträgerin von 2024 vielleicht abstrakt, hermetisch oder bizarr wirken. Mit ihrem wohl erfolgreichsten Roman Die Vegetarierin aber lässt sich auf alle Fälle gut und ohne zu große Hürden ein Zugang zur faszinierenden Erzählweise der südkoreanischen Autorin finden. Der Text ist sprachlich zugänglich, spannend und durchaus gut lesbar. Die Abgründe und Unsicherheiten, die sich unter der Oberfläche auftun, sollte man als Leser aber aushalten können.
Drei Kapitel, drei Perspektiven
Der Roman kreist um eine Figur, die rätselhaft erscheint – doch vielleicht ist sie das auch nur für ihre Umwelt, und in Wirklichkeit ist nicht sie, sondern die Gesellschaft, die sie umgibt, verquer und verstörend. Der Text aber vermittelt fast ausschließlich die vermeintlich vernünftige Außenperspektive auf die Protagonistin Yong-Hue. Ihre Geschichte wird in drei Kapiteln aus Sicht dreier Figuren erzählt.
Als Erstes spricht Yong-Hues Ehemann. Er beschreibt seine Frau von oben herab als Inbegriff weiblicher Unsichtbarkeit.
Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar. Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. […] So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen, und ich musste auch nicht fürchten, dass sie mich mit den makellosen Herrenmodels aus Modekatalogen verglich. (Seite 7)
Yong-Hue ordnet sich unter, ist ihrem Mann sexuell zu Willen, bekocht ihn, ohne ihn zu fordern. Doch die Verdrehtheit dieser männlichen Wahrnehmung liegt bereits im sprachlichen Paradoxon der „durchschnittlichsten Frau der Welt“ (Seite 22) offen zu Tage: der Superlativ und die damit gemeinte Durchschnittlichkeit, das ist ein Widerspruch in sich.
Schweinebauch und Tintenfisch gehen in den Müll
Mit der vom Ehemann so geschätzten Unauffälligkeit und Konformität ist es dann ohnehin schlagartig vorbei, als Yong-Hue eines Nachts alle Gefrierbeutel mit Fonduefleisch, Schweinebauch, Rinderfilets, Hühnchen, Tintenfisch und Aal aus dem Kühlschrank räumt und zur Begründung kund tut: „Ich hatte einen Traum“ (Seite 14).
Nicht nur, dass Yong-Hue fortan den Verzehr von Fleisch wie auch jeglicher anderer tierischer Produkte verweigert, sie schläft auch kaum mehr und hat keinen Sex mehr mit ihrem Mann. Dessen konventionelle Erklärungsansätze – von neumodischem Gesundheitsbewusstsein über ethische Beweggründe bis hin zu einer Depression – laufen ins Leere. Dem Unverständnis ihres Mannes wie auch der gesamten Gesellschaft begegnet Yong-Hue mit stoischer Gleichgültigkeit und Unbeirrbarkeit. Bei einem Familienessen löst Yong-Hues mit stiller Selbstverständlichkeit gelebter Veganismus bei ihrem Vater extreme Aggressionen aus, und die Situation eskaliert.
Das zweite Kapitel bildet in Fortsetzung dieses Geschehens eine abgeschlossene Geschichte für sich. Erzählt wird nun aus der Perspektive von Yong-Hues Schwager, der eine Obsession für sie entwickelt. Er ist Künstler und verfolgt mit Nachdruck ein sehr spezielles Kunstprojekt. Seine Vision ist es, dass Yong-Hue sich vor laufender Kamera mit einem anderen Mann vereint, wobei beide die Gestalt von Pflanzen annehmen. Yong-Hues eigenem Impuls, sich in Richtung eines pflanzlichen Daseins zu bewegen, kommt die kunstvolle Bemalung ihres Körpers durchaus entgegen, und doch – so habe ich es gelesen – wird sie hier einmal mehr zum Objekt von sexuell gesteuerter männlicher Manipulation.
Rückzug in eine pflanzliche Daseinsform
Im dritten und letzten Abschnitt des Buches begegnen wir Yong-Hue schließlich als Patientin einer psychiatrischen Klinik. Sie meint nun, sich auf dem Weg der Verwandlung in einen Baum zu befinden. Sie macht zum Beispiel einen Handstand und glaubt, mit den Händen Wurzeln in der Erde zu schlagen. Die Perspektive ist in diesem Kapitel auf Yon-Hues Schwester und damit auf eine Frau übergegangen, und erstmals ist ein Ansatz von Verständnis spürbar. Doch unüberwindliche Barrieren bleiben, und das Ende ist rätselhaft.
Klingt der Inhalt schräg? Nun, Hang Kang erzählt ihre Geschichte jedenfalls als nichts Surreales oder Symbolisches, sondern im Gegenteil sehr geradeaus. Sie referiert das Geschehen kühl, in einer schnörkellosen, lakonischen Sprache, die keinerlei Verständnisschwierigkeiten verursacht. Die Erzählung kommt einem dadurch völlig klar und realistisch vor. Gerade die ersten beiden Kapitel nehmen dabei jeweils durch sich schleichend aufbauende, zum Schluss aber sehr intensivere Spannungsbögen in Beschlag.
Seine Rätselhaftigkeit gewinnt der Text dabei durch die völlig fehlende Einsicht in das Innenleben seiner Protagonistin. Die Beweggründe für ihr radikales Verhalten werden mit keinem Wort erläutert, auch sie selbst artikuliert sich nicht. Als Hinweis gibt uns die Autorin nur einige kryptische, eigenwillig poetische Traumsequenzen im ersten Teil an die Hand. Den Rest müssen die Leser*innen sich aus den Außenperspektiven der anderen Figuren erschließen.
Stille Heldin des „Ohne mich“
Die liefern in ihrer Begrenztheit zwar keinerlei eindeutigen Antworten. Und doch vermittelt gerade die Verständnislosigkeit der Außenwelt ein unterschwelliges Gefühl für Yong-Hues Motive und ihren kompromisslosen Rückzug, ihre Verweigerung gegenüber jedweder gesellschaftlicher, meist männlicher, Erwartung. Gerade die zynische Perspektive des Ehemannes lässt keinerlei Identifikation zu und lässt Yong-Hues stille Rebellion und die Nicht-Erfüllung der ihr zugewiesenen Rolle nur schlüssig erscheinen. In den folgenden Kapiteln werden die zwischenmenschlichen Konstellationen zwischen dem jeweiligen Perspektivträger und Yong-Hue ambivalenter und doch wächst bei allem Befremden die Sympathie für diese Heldin des „Ohne mich“.
Was für mich als Leser blieb, war eine zunehmende Bewunderung für Yong-Hues Unbeugsamkeit, aber auch Trauer darüber, dass die menschliche Gesellschaft mit ihren Machtstrukturen und Zwängen ihr offenbar keinen Weg zu einem würdevollen Dasein bietet. Der allmähliche völlige Rückzug aus dem Menschsein hin zu einer rein organischen, pflanzlichen Daseinsform ist ihre letztlich selbstzerstörerische Konsequenz, aber vielleicht auch ein Weg in die Freiheit.
Han Kangs reduzierter Stil lässt aber sicher Spielräume, um den Text auch anders zu interpretieren und zu fühlen. Sie lässt im Unausgesprochenen, was sich vielleicht nicht anders sagen lässt als mit genau dieser Geschichte. In jedem Fall aber wohnt der Vegetarierin eine stille Kraft inne, die im Leser viel in Bewegung bringen kann.
- Han Kang, Die Vegetarierin, Aufbau Taschenbuch, 190 Seiten, 12 Euro.
Pingback: Mein Lesejahr 2025: Ein Rückblick | BuchUhu