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Wer – nicht nur an kalten Wintertagen – ein Buch braucht, um die Seele aufzuwärmen, ist mit Das Café ohne Namen von Robert Seethaler gut bedient. Die feinfühlig erzählte Milieustudie aus dem Wien der 1960er- und 70er-Jahre unterhält und rührt an und lässt dabei eine wohlige Melancholie aufkommen. Die widersprüchliche, konfliktbeladene, überfordernde Realität unserer Gegenwart bleibt für ein paar Lesestunden außen vor bei dieser Reise in eine Zeit, in der das Leben zwar keineswegs einfacher, aber irgendwie übersichtlicher erscheint.

Der 2. Wiener Bezirk in den 1960er-Jahren

Das Erzählmuster, dessen sich Seethaler bedient, ist eines, das mir von meiner kürzlichen Lektüre des Romans Der Bienenkorb von Camilo José Cela bereits vertraut und gerade frisch in Erinnerung ist. Beide Autoren machen jeweils ein Café zum Dreh- und Angelpunkt, an dem sich die Wege verschiedener Menschen kreuzen, deren Schicksale und Geschichten wir als Leser*innen kennenlernen. In beiden Romanen ergibt sich daraus eine episodische Struktur an Stelle eines durchgehenden Handlungsstrangs. Es entsteht jeweils ein Panoptikum, dessen Einzelteile sich zum Portrait einer Stadt oder eines Stadtteils in einer bestimmten historischen Epoche zusammensetzen lassen. War dies bei Cela das Madrid der 1950er-Jahre im faschistischen Spanien, so geht es bei Seethaler um den 2. Wiener Bezirk, die Leopoldstadt, mit dem Karmelitermarkt als Herzstück, im Zeitraum zwischen etwa 1966 und 1976. Eine weitere Ähnlichkeit besteht darin, dass die Autoren jeweils ein kleinbürgerliches Milieu in den Blick nehmen.

Abgesehen vom grundlegenden gemeinsamen erzählerischen Ansatz gibt es allerdings große Unterschiede. Der spanische Literaturnobelpreisträger Cela splittert seine Erzählung auf, indem er nicht weniger als 300 Figuren einführt. Seethalers Roman dagegen beschränkt sich auf ein gutes Dutzend Personen, über die sich vergleichsweise leicht die Übersicht behalten lässt. Mit dem Wirt Robert Simon gibt es einen eindeutigen Protagonisten und Identifikationspunkt. Er, der sich zuvor als Gelegenheitsarbeiter auf dem Karmelitermarkt verdingt hat, pachtet 1966 ein paar Straßen weiter einen einfachen Gastraum an, in dem er ein unprätentiöses Café eröffnet. Das kulinarische Angebot ist überschaubar, wie der Wirt einem Gast auseinandersetzt:

„Kaffee. Limonade. Himbeersoda, Bier und Wein aus Stammersdorf und Gumpoldskirchen, rot und weiß. Zum Essen gibt es Schmalzbrot mit oder ohne Zwiebel, frische Gurken und Salzstangen.“ (Seite 27)

Lebenswege kreuzen sich

Das Café – die Suche nach einem Namen gibt er Inhaber noch vor der Eröffnung auf – entwickelt sich zu einem Treffpunkt verschiedener für das Viertel charakteristischer Menschen. Da ist die alternde, stets auf Männerbekanntschaften lauernde Rose Gebhartl, ein Kreis Karten spielender Kriegsveteranen, von denen einer mit Vorliebe sein Glasauge über den Tresen kullern lässt, oder ein schwerenöterischer Künstler, dem seine Partnerin regelmäßig lautstarke Eifersuchtsdramen liefert. Kontinuierlich begleitet der Roman zudem einen Fleischermeister, der sein Geschäft gegenüber dem Café betreibt und dessen Kinderschar immer größer wird, sowie die patente Kellnerin Mila und ihren Ehemann René, der seinen Lebensunterhalt mit Showboxkämpfen am Heumarkt verdient und später dem Alkohol verfällt.

Es ist ein menschlicher, empathischer Blick, den der Autor hier all jenen schenkt, die sich durch einen harten Alltag und so manchen Schicksalsschlag kämpfen müssen, die manchmal aus Sorge um die Zukunft nicht schlafen können und deren Existenz in der Masse unterzugehen droht, ohne Spuren zu hinterlassen. Da ist etwa jener Arnie Stjanko, der Robert Simon eine Zeitlang als geschickter Handwerker für alle Fälle zur Seite steht, bis er sich aufgrund mangelnder Impulskontrolle selbst ins Abseits schießt. Robert Simon sieht ihn später noch einmal als verwahrlosten Obdachlosen auf der Straße. Drei Jahre später wird er tot in einem Seerosenteich gefunden.

„Man begrub ihn draußen auf dem Zentralfriedhof, es gab keine Feier und keine Trauernden. Die Behörden versuchten noch ein paar Wochen lang, Verwandte ausfindig zu machen, doch zu dieser Zeit vermisste Arnie Stjanko schon längst niemand mehr, und nur die wenigsten konnten sich überhaupt an ihn erinnern.“ (Seite 129)

Menschen, die sonst übersehen werden und über die die Zeit hinweggeht, setzt Seethaler mit seinem Roman ein Denkmal. Das ist berührend, manches Mal aber auch knapp an der Grenze zum Rührseligen. Denn mag das Schicksal des Einzelnen noch so hart sein, so umgibt Seethaler diese Lebenswelt doch immer auch mit einer Aura der sanften Melancholie, der Nostalgie und des Tröstlichen. Gäste und Mitarbeiter des Cafés ohne Namen bilden eine Gemeinschaft, in der es Solidarität und Empathie gibt, wie sich am Ende bei einer großen Feier zeigt. Auch hier ist Seethalers Roman das genaue Gegenteil von Celas Bienenkorb, der mit kaltem Kameraauge eine Gesellschaft der Vereinzelung und Entsolidarisierung abbildet.

Geschichte als Judenviertel ausgeblendet

Einem möglichen Kitschverdacht wirkt Seethaler mit einer ausgesprochen schlichten, lakonischen Sprache entgegen. Im allgemeinen erzählt er konventionell und linear geradeaus. Ausnahmen bilden einige Kapitel, die ungefiltert und ungegliedert, ohne gekennzeichnete Unterscheidung der Sprecherinnen, den Dialog zweier Freundinnen wiedergeben. Auf ihrem Stammplatz unterm Sonnenschirm auf der Terrasse kommentieren sie in einem scheinbar gemeinsamen Redestrom mit Wienerischem Sarkasmus das Zeitgeschehen – und Seethaler flicht damit zumindest sanft eine etwas experimentellere Erzähltechnik ein.

Seethaler ist ein sehr guter Erzähler. Ich bin ihm und seinen Figuren gern durch die Seiten gefolgt, habe mit ihnen gefühlt und konnte mich auf die menschliche Botschaft des Romans einlassen. Ich finde, dass der emotionale Erzählansatz zum Café ohne Namen viel besser passt als etwa zu Der Trafikant, bei dem ich mich doch wunderte, dass eine Figur wie Sigmund Freud nicht über das Klischee eines netten Onkels hinauskommt und der Naziterror in Wien eher melodramatisch dargestellt ist. Natürlich könnte man auch beim Café ohne Namen durchaus hinterfragen, warum gewisse kritische, zeithistorische Aspekte ausgeblendet bleiben. So ist in keiner Zeile spürbar, dass es sich beim portraitierten 2. Bezirk bis nicht allzu lange Zeit vor dem Einsetzen der Handlung um ein Zentrum jüdischen Lebens handelte. Und dass der Holocaust diese Ära grausam beendete. Seethalers Roman bleibt von daher im Wesentlichen ein aufs Private begrenztes Panoptikum.

  • Robert Seethaler, Das Café ohne Namen, Ullstein Taschenbuch, 288 Seiten, 16,99 Euro.

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