Wenn ich ein Buch lese, verziere ich seine Seiten oft mit kleinen farbigen Haftstreifen, um so besonders schöne und beeindruckende Formulierungen zu markieren. Bei Ismail Kadares Roman Chronik in Stein habe ich das sein lassen. Denn eigentlich müsste man von der ersten bis zur letzten Seite jeden einzelnen Satz anstreichen. Für das Portrait seiner Geburtsstadt Gjirokastra im Süden Albaniens verwendet der Autor eine so wundervolle Sprache und so originelle und einprägsame Bilder, wie man sie selten in der Literatur findet. Chronik in Stein ist ein sprachliches Meisterwerk.
Es war dies eine seltsame Stadt
Schon der erste Satz hat mich gefangen genommen:
Es war dies eine seltsame Stadt, die anmutete, als sei sie in einer Winternacht wie ein vorzeitliches Wesen plötzlich im Tal aufgetaucht und habe dann, unter großen Mühen emporklimmend, sich an den Abhang des Berges geschmiegt. (Seite 5)
Kurz darauf beschreibt der große albanische Autor ein besonderes Merkmal des Ortes auf eine Art, die typisch für sein Werk ist. Er verwendet Bilder, die surreal erscheinen und die doch ganz konkret anschaulich machen, was hier lebensweltlich gemeint ist. Es sind Formulierungen, in denen sich Realismus, Magie und Humor vereinen und die, wer sie gelesen hat, nicht mehr vergessen kann, weil man sie so noch nicht gelesen hat.
Es war dies eine steile Stadt, vielleicht die steilste auf der ganzen Welt; alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus waren von ihr über den Haufen geworfen worden. Weil sie derart steil war, konnte es vorkommen, daß sich die Fundamente des einen Hauses auf der Höhe des Daches eines anderen befanden, und gewiß war dies der einzige Ort auf der Welt, wo jemand, der am Straßenrand ausglitt, nicht in den Graben stürzte, sondern womöglich auf das Dach eines hohen Hauses. Besser als alle anderen wußten dies die Trunkenbolde. (Seiten 5 f.)
Aus kindlicher Perspektive
Der besondere Zauber dieser Chronik in Stein ergibt sich aus der Kombination aus der Wortgewalt eines Erwachsenen und der konsequenten Perspektive eines Kindes, das noch nicht alles versteht, aber bereit ist, alles anzunehmen und sich von allem faszinieren zu lassen, auch von grausamen Aspekten der Realität. Erzählt wird die Geschichte einer nicht namentlich genannten Stadt, mit der aber ganz offensichtlich das südalbanische Gjirokastra gemeint, Heimat sowohl des Autors als auch des später im Roman explizit genannten späteren albanischen Diktators Enver Hoxha. Der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans ist ein ebenfalls namenloser Junge – er mag acht bis zehn Jahre alt sein.
Aus seiner subjektiven Sicht erfahren wir von den historischen Wechselfällen der Stadt, die zum Spielball diverser Besatzungsmächte wird. Ist sie zu Beginn von italienischen Soldaten okkupiert, erobern sie später die Griechen und in schnellem Wechsel wieder die Italiener voneinander. Am Rande der Stadt entsteht ein Militärflughafen. Englische Flieger bombardieren die Stadt, die Bevölkerung sucht Schutz in den zu Luftschutzräumen umfunktionierten Kellern der Häuser und flüchtet sich einmal in die finsteren Gewölbe der Burg.
Kommunisten und Partisanen
Aber auch blutige innere Konflikte suchen die Stadt heim. Kommunisten und Faschisten ermorden sich, Partisanengruppen bilden sich heraus. Ihren Höhepunkt erreichen Leid und Zerstörung, als deutsche Truppen die Stadt für mehrere Stunden unter Beschuss nehmen. Die Stadtbewohner haben sich zu diesem Zeitpunkt in die verlassenen Häuser umliegender Dörfer geflüchtet und beobachten die Okkupation aus der Ferne. Als sie zurückkommen, liegen erschossene Nachbarn tot auf dem Boden, und Erhängte baumeln an Straßenlaternen. Doch einmal mehr wird das Leben Einkehr halten zwischen den scheinbar so lebensfeindlichen Steinen der Stadt.
Die gigantische Schale, halbverlassen, würde sich binnen weniger Stunden wieder mit Schritten, Tuscheln, Nerven, Leidenschaften, Gerüchten, Hoffnungen, menschlichem Leid füllen. […] Das weiche Fleisch des Lebens füllte wieder die steinerne Schale. (Seiten 262/265)
Historisch sind diese Entwicklungen in etwa den Jahren um 1940 bis 1945 zuzuordnen. Chronik in Stein ist freilich kein Geschichts-Sachtext, sondern gibt die Ereignisse ganz aus der Sicht eines Kindes wieder, in dem sicherlich der 1936 geborene Autor zu erkennen ist. Wie es bei Kindern so ist: Sie haben die Gabe, Realitäten anzunehmen, wie sie sind, ohne damit zu hadern. Sie leben ganz im Hier und Jetzt. Ihre Perspektive ist begrenzt und gleichzeitig erkennen sie in allem noch Zeichen und Wunder.
Ein großes Abenteuer
So begreift der Junge das, was um ihn her geschieht, oft wie ein großes Abenteuer. Das Schild, das den Keller seines Familienhauses als Luftschutzbunker ausweist, erfüllt ihn nicht etwa mit Schrecken, sondern mit Stolz, dass hier bis zu 90 Personen unterkommen, mehr als in jedem anderen Keller des Viertels. Die Stunden bei Luftalarm nimmt er als Momente des geselligen Beisammenseins wahr. Für die großen Militärflugzeuge, die sich auf den Rollfeldern des neuen Flughafens nahe der Stadt bewegen, empfindet er fast so etwas wie Verliebtheit. Dass es Partisanen, Spione, Kommunisten gibt, gleicht für ihn und seinen Freund einem Spiel, in dem sie sich die Ermordung von Feinden wie Räuber und Gendarm ausmalen.
Als wichtige Informationsquelle dienen dem Jungen die Gespräche der Erwachsenen, die er belauscht, ohne den Sinn der Unterhaltungen immer ganz erfassen zu können. In erster Linie hört er den Frauen zu, die sich regelmäßig zum Tratsch um seine Großmutter Selfixhe scharen. Wie aus dem Nichts taucht da etwa regelmäßig die beleibte, schwer atmende Xhexho auf, die immer über die letzten Neuigkeiten im Bilde ist. Was Xhexho an Skandalen und Ungeheuerlichkeiten aus dem Viertel zu berichten weiß, kommentiert Mutter Pino gebetsmühlenartig mit dem erschütterten Ausruf: „Eine Katastrophe!“
Untergegangene Welt
Der Autor entwirft hier nicht nur das liebevolle Panoptikum einer solidarischen Nachbarschaftsgemeinschaft, sondern auch das Portrait einer vormodernen Gesellschaft. Der Glaube an Hexerei ist lebendig und bestimmt den Alltag. Dass ein junger Mann aus dem sozialen Umfeld nun eine Brille trägt, das gilt den Frauen als „Teufelszeug“. Die höchst geachteten Mitglieder dieser Gesellschaft sind die greisen „Weisen Frauen“, denen ein biblisches Alter von weit über 100 Jahren zugeschrieben wird.
Umso schmerzlicher ist die Konfrontation dieser teils noch so archaischen, traditionellen Gemeinschaft mit den Schrecken der Moderne. Chronik in Stein wird damit auch zum melancholischen Abgesang auf eine verschwundene Welt, grausam mit sich gerissen von den Stürmen des 20. Jahrhunderts – und doch überdauernd in Form des unerschütterlichen Steins seiner Häuser.
- Ismail Kadare, Chronik in Stein, Aus dem Albanischen von Joachim Röhm, Fischer Taschenbuch, 272 Seiten, 16 Euro.