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„Who needs a heart when a heart can be broken?“, singt Tina Turner im Song „What’s love got to do with it“. Bei Rajka Radaković, der Titelfigur in Ivo Andrićs Roman Das Fräulein, heißt es: „Was nützte ihr ein Herz, das Kosten verursachte?“ (Seite 236). Das Lebensmotto dieser Antiheldin – hier ironisch und doppeldeutig formuliert, da es sich äußerlich betrachtet auf einen Herzfehler und die möglichen Behandlungskosten bezieht – klingt hart und zynisch. Gefühle, Empathie, ein Herz für andere: Das bringt einen im Leben nicht voran, vor allem nicht im materiellen Sinne. Rajka Radaković ist ein eiskalter, egoistischer Geizkragen, wie er im Buche steht. Und doch habe ich sie über die Seiten dieses Romans ein wenig lieb gewonnen und die versteckte Zärtlichkeit im Blick des Autors auf seine Protagonistin wahrgenommen. So etwas schafft nur ein großer sprachlicher und psychologischer Meister, als der sich Ivo Andrić hier erweist.

Teil der „Bosnischen Trilogie“

Ivo Andrić, der jugoslawische Nobelpreisträger des Jahres 1961, ist vor allem berühmt für seine „Bosnische Trilogie“, die er Mitte der 1940er-Jahre im von den Deutschen besetzten Belgrad verfasste. Das Fräulein steht hier allerdings im Schatten der Großwerke Die Brücke über die Drina und Wesire und Konsuln, die mit historischen Stoffen ein Panorama der Geschichte des Balkans eröffnen. Im Vergleich dazu kommt Das Fräulein deutlich reduzierter und intimer daher.

Der Roman konzentriert sich ganz auf seine Hauptfigur. Er beginnt mit ihrem Tod im Jahr 1935 und erzählt von hier aus in Rückblenden ihr Leben. So entsteht ein dichtes und tief gehendes Psychogramm. Die Wirren der Geschichte des Balkans, vor allem der durch das Attentat von Sarajevo mit ausgelöste Erste Weltkrieg und ein nach dem Krieg vibrierendes Belgrad, bilden dafür lediglich den Hintergrund. Leserinnen und Leser, deren Erwartungen sich auf das im Klappentext gegebene Versprechen gründen („Ohne Ivo Andrić zu lesen, kann man den Balkan nicht verstehen“), werden mit diesem Roman wohl nicht ganz auf ihre Kosten kommen.

Groteske Sparsamkeit und Askese

Umso mehr Freude hatte ich daran, mit welchem Feingefühl, welcher Lebensklugheit und sprachlicher Finesse Andrić dieRajka Radaković zeichnet. Die Figur ist gekennzeichnet von einer grotesken Sparsamkeit und Askese, die der Autor streckenweise mit Ironie und Lust am Detail ausmalt. Zu Beginn des Romans begegnen wir dieser „großen, hageren alten Jungfer in den Fünfzigern“ mit einem gelben Gesicht voller Runzeln, in denen „wie eine schwarze Ablagerung ein feiner Schatten“ liegt; die, sofern sie das Haus verlässt, mit einem „langen Rock, wie ihn heute niemand mehr trägt“, in „abgetragenen Schuhen“ und „dicken Strümpfen“ durch die Straßen läuft, gekleidet „jenseits aller Zeiten und Moden“ (Seiten 12 f.); und die in der Dämmerung im einzigen beheizten Zimmer ihres vernachlässigten Hauses sitzt und ihren Stuhl ganz nah ans Fenster rückt, um das letzte Licht des Tages zum Stopfen alter Socken zu nutzen, ohne eine Lampe entzünden zu müssen.

Die ältliche, verhärmte Frau könnte eine Karikatur sein. Doch jeder Mensch hat seine Geschichte, und die blättert Andrić in diesem Fall vor uns auf. Als Mädchen liebt Rajka abgöttisch ihren Vater, einen erfolgreichen Geschäftsmann in Sarajevo. Doch der geht bankrott, was auch mit seinem gesundheitlichen Ruin einhergeht. Auf dem Sterbebett gibt er seiner 15-jährigen Tochter mit auf den Weg: „spare, spare immer, überall, an allem und kümmere dich um nichts und niemanden“ (Seite 26). Denn in einer feindseligen Welt lauere das Umfeld stets nur darauf, jeden Anflug von Großzügigkeit und Mitgefühl auszunutzen. Das habe zu seinem eigenen Untergang geführt, und das will er seiner Tochter ersparen.

Als „Kriegsgewinnlerin“ geächtet

Rajka beherzigt den Ratschlag. Da die Mutter passiv und willensschwach ist, nimmt „das Fräulein“ die Zügel des Haushalts in die Hand, entlässt kaltschnäuzig einen Knecht, der sich doch als Teil der Familie wähnte, ekelt ein Hausmädchen hinaus, streicht den Einkaufszettel rigide zusammen und schlägt, entgegen der sozialen Gepflogenheiten, den Bettlern die Tür vor der Nase zu. Das wenige Ererbte vermehrt sie durch eine geschäftliche Tätigkeit als Geldverleiherin zu Wucherzinsen, wobei sie sich von den Notsituationen ihrer Kreditnehmer in keiner Weise erweichen lässt. Als ein Mann, dem sie ein Darlehen verweigert, aus Verzweiflung Selbstmord begeht, ist ihre einzige Gefühlsregung die Erleichterung, sich hier auf kein Verlustgeschäft eingelassen zu haben.

Die Wirren des Ersten Weltkriegs, die serbischen Freiheitsbestrebungen, die Verluste und Nöte in vielen Familien lassen Rajka ebenso kalt. Dafür versteht sie es, durch geschickte Spekulationen aus den wirtschaftlichen Turbulenzen Kapital zu schlagen. Genau dadurch aber gerät sie bei der Bevölkerung als „Kriegsgewinnlerin“ in Ungnade, muss gar um ihre Sicherheit fürchten und verlässt nach dem Krieg ihre Heimatstadt Sarajevo in Richtung Belgrad, wo sie Verwandtschaft hat.

Dem weiblichen Rollenbild widersetzt

Nein, eine Sympathieträgerin ist diese Rajka nun wahrlich nicht und doch: Andrić fügt ihr punktuell, aber überaus wirkungsvoll Nuancen hinzu, die doch zumindest eine teilweise Solidarisierung mit ihr hervorrufen. Sie verweigert sich, ein Herz zu haben, nicht nur weil ein Herz bares Geld kostet, sondern weil ein Herz sie verletzlich machen würde – „a heart can be broken“. Diese Angreifbarkeit erlaubt sich Rajka nicht. Kann sie auch nicht, um, ganz auf sich gestellt, als Waise eines Gescheiterten in einer gnadenlosen Gesellschaft zu bestehen.

Nicht ihre Herzlosigkeit hat sie sie zu dem gemacht, was sie ist, sondern das Haifischbecken, in dem sie sich bewegt. Die Welt, wie sie ist, lässt ihr keine Wahl: entweder sie zeigt Härte, oder sie fügt sich in das für Frauen vorgegebene Rollenbild der Unterordnung und Abhängigkeit. Dass sie Letzteres nicht tut, sondern sich den Erwartungen an ihre Geschlechterrolle widersetzt – nicht zuletzt durch ihr äußeres Erscheinungsbild – ringt mir Bewunderung ab. Nicht umsonst weist Michael Martens im Nachwort in der mir vorliegenden Ausgabe darauf hin, dass Rajka Radaković als einzige Frau ihn der literaturgeschichtlichen Ahnengalerie der krankhaften Sparfüchse vom Molières Geizigem bis hin zu Dickens‘ Ebenezer Scrooge steht.

Doch Rajka ist keine Maschine. Andrić führt uns vielmehr feinfühlig zu ihrem Schwachpunkt, der Liebe zu ihrem nur vier Jahre älteren Onkel Vlado. Der ist das genaue Gegenbild von Rajka: freigiebig, unbedacht, sorglos das Leben umarmend, seine finanziellen Mittel und letztlich auch sich selbst verschwendend, oder wie es Andrić in einer seiner vielen wunderbaren Formulierungen schreibt: „der Freund aller, nur nicht sein eigener“ (Seite 30). Vlado verkörpert damit eine verborgene Sehnsucht Rajkas nach einem anderen Leben oder auch nach „dem Leben“ schlechthin – und auch die riesige Angst davor.

Am wunden Punkt gepackt

Vlado stirbt früh, und in einer sehr gekonnten erzählerischen Wendung packt Andrić die Leserinnen und Leser bei den Gefühlen und seine Protagonistin bei ihrem wunden Punkt. In Belgrad meint sie viele Jahre später in dem Lebemann Ratko die Aura Vlados wiederzuerkennen. In einem Anflug von Sentimentalität wirft sie für einmal ihre rigiden Prinzipien und ihre eiserne Vorsicht über Bord – und lässt sich von Ratko hinters Licht führen. Das hat eine sehr berührende Tragik. Eine herzlose, oberflächliche, materialistische Welt rächt sich unmittelbar für den kurzen Moment, in dem Rajka die Zügel schleifen lässt.

Dass sie sich danach in die komplette soziale Isolation zurückzieht, erscheint vor diesem Hintergrund tief traurig, aber nur verständlich. Und auch ihre schrulligen Gewohnheiten lassen sich in anderem Licht sehen. Wenn sie etwa Freude und Genugtuung darin findet, alte Kleidungsstücke zum x-ten Mal zu stopfen, möchte man ihr diese kleinen Triumphe doch gönnen. Und fechten wir nicht auch Tag für Tag diesen aussichtslosen Kampf gegen den Verfall und die Vergänglichkeit? Wir putzen, schrubben, konservieren, reparieren – nur damit am nächsten Tag das Bad doch wieder schmutzig und das Auto kaputt ist.

Vergebliches Ringen um Kontrolle

Rajkas Sparwahn ist letztlich nichts anderes als ein vergebliches Ringen um eine nicht vorhandene Kontrolle im Leben, um Struktur im Chaos. Fast jeder von uns tut Vergleichbares: Ernährungspläne, Trainingspläne, Finanzpläne, damit wollen wir der beängstigenden Unberechenbarkeit der Welt entgegenwirken, und all das kann schnell zur Obsession und zur Sucht werden, gerade nach traumatischen Erlebnissen des Kontrollverlustes oder auch in unübersichtlichen historischen Momenten – wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem Balkan, und wie in unserer aus den Fugen geratenen Aktualität.

Andrić führt seinen Roman damit über das individuelle Psychogramm einer skurrilen Figur weit hinaus auf eine Ebene der Gesellschaftskritik an sozialem Druck und Materialismus und hin zu einem tief menschlichen, warmen, melancholischen Blick auf Zeitlos-Menschliches. Im Moment ihres Todes erkennt Rajka, was wirklich kostbar ist, uns erinnert Andrić zu Lebzeiten daran. „Gold würde sie geben für einen Atemzug. Doch der Atem blieb weg.“ (Seite 255)

  • Ivo Andrić, Das Fräulein, Deutsch von Edmund Schneeweis, überarbeitet von Katharina Wolf-Grießhaber. Mit einem Nachwort von Michael Martens, dtv, 272 Seiten, 13 Euro.

2 Kommentare zu “Ivo Andrić, Das Fräulein

    • Das freut mich sehr, dass Du Dich gut informiert fühlst, vielen Dank! Wobei die Geschichtsstunde in diesem Roman doch eher im Hintergrund steht. Immerhin bin ich inspiriert und motiviert worden, meine erheblichen Wissenslücken anderweitig zu schließen.

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