Home

Vier Freundinnen in einer großen Stadt, sehr verschieden und doch untrennbar miteinander verbunden. Jede hat ihre eigene Karriere, jede geht selbstbewusst ihren erotischen Eskapaden nach. Und eine davon schreibt frei von der Leber weg alles nieder, ein unverblümtes Gesellschaftsbild aus weiblicher Perspektive, das auch mit so manchem Tabu bricht.

Dieses Erzählmuster erschien frisch, frech und Avantgarde, als 1998 die Fernsehserie Sex and the City startete. Neu war es allerdings nicht: Schon 70 Jahre vorher in Wien hatte die Autorin Maria Lazar einen Roman auf ähnlichen Prinzipien und auf dem mindestens gleichen weiblichen Selbstbewusstsein gegründet. Das macht Viermal ICH bis heute zu einer lohnenden Lektüre – als Dokument einer langen feministischen Tradition und auch als Anstoß, darüber nachzudenken, um wie viel die Gesellschaft in den knapp 100 Jahren seit dem Verfassen des Textes weitergekommen ist und was heute wieder verloren zu gehen droht – wie damals schon einmal. Dasselbe gilt für die moderne, mit Konventionen brechende Erzählweise Maria Lazars.

Vier Freundinnen in einer großen Stadt

In Viermal ICH schreibt eine namenlose Ich-Erzählerin eine Lebensbeichte nieder. Im ersten Teil blickt sie auf ihre Kindheit und Jugend zurück, die sich ungefähr in der Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg abgespielt haben dürfte, in einer deutschsprachigen Großstadt, deren Name allerdings nicht genannt wird. Ihren autobiografischen Bericht weitet die ebenfalls namenlose Ich-Erzählerin auf ihre drei besten Schulfreundinnen aus. Von Anfang an entsteht zwischen ihnen eine Art Verschmelzung oder zumindest Überschneidung der Identitäten. Das weibliche Kleeblatt fügt sich mitunter zu einer kollektiven Identität zusammen: vielleicht der Frau im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Andererseits verkörpern die vier Protagonistinnen sehr unterschiedliche, individuelle Charaktere sowie verschiedene Aspekte der Rollen der Frau und des sozialen Gefüges. Professorentochter Grete ist eine sphärische, unnahbare Schönheit, wird schon in jungen Jahren Ehefrau und Mutter. Ulla, äußerlich unattraktiv, mit eiskalten, wasserblauen Augen, ist Tochter eines jüdischen Arztes. Sie verkörpert Rationalität und Zielstrebigkeit, wird später ebenfalls Medizinerin. Die leichtlebige, kokette Anette ist Tochter einer Friseurin, fliegt vor der Matura von der Schule und wird sich als „leichtes Mädchen“ durchs Leben schlagen. Die Ich-Erzählerin schließlich zeichnet sich durch ihre feine Wahrnehmung und teils übersteigerte Sensibilität aus. Als Frau des Wortes arbeitet sie als Erwachsene in einer Bibliothek.

Alle lieben Axel

Zuvor aber durchlaufen die Vier diverse pubertäre Wirrungen. Alle himmeln sie den unerreichbaren Lehrer Doktor Alexander an. Doch als sich der Blick irgendwann klärt, wird deutlich, dass er – mit „großen Poren im Gesicht“ und „die Zähne allzu verraucht“ (Seite 57) – keinesfalls so attraktiv ist, wie er im verklärenden Blick der Mädchen erscheinen war. Die Ich-Erzählerin vergöttert gleichzeitig ihren Onkel Max, der nur sporadisch in der Familie auftaucht, um dann wieder auf unabsehbare Zeit zu verschwinden. In einem Urlaub an der Nordsee bekommt die Ich-Erzählerin mit, wie Onkel Max ihre ältere Schwester Bea missbraucht. Bald darauf muss die schwangere Bea einen „Herrn von“ heiraten, also zur Rettung des gesellschaftlichen Status eine gute bürgerliche Partie machen. So also werden ihr in der Jugend Perspektiven des weiblichen Lebens aufgezeigt. Ein weiteres einschneidendes Erlebnis: Die Ich-Erzählerin entdeckt, dass Ullas Vater zu Hause illegale Abtreibungen vornimmt – und dies für die Frauen mitunter tödlich endet.

Als Erwachsene verbindet die vier Freundinnen dann wie einst bei Doktor Alexander wieder die (mehr oder weniger ausgeprägte) Verliebtheit in denselben Mann, der nicht ganz zufällig einen ähnlichen Namen hat: Axel ist Gretes Ehemann. Die Ich-Erzählerin wird seine Geliebte, Ulla begehrt ihn ebenfalls, Anette kokettiert mit ihm. Das Verhältnis der Frauen gerät immer stärker in ein Spannungsverhältnis zwischen Konkurrenz, Misstrauen und doch unverbrüchlicher Solidarität – bis zu einem dramatischen Ende und einer etwas abrupten Auflösung, die so harmlos erscheint, dass man ihr ihr eigentlich nur misstrauen kann.

Feministischer Aufbruch

Welches Ende der Plot der komplexen Fünfecks-Beziehung nimmt, ist aber ohnehin bei Weitem nicht das Spannendste an Viermal ICH. Inhaltlich interessant fand ich vielmehr die Darstellung eines feministischen Aufbruchs in den 1920er-Jahren. Allein schon, wie Maria Lazar weibliche Innenwelten in den Vordergrund rückt und wie sie alle männlichen Figuren neben den komplexen, vielschichtigen Frauencharakteren zu Schemen verblassen lässt, ist ein Statement, das zu seiner Zeit mit Sicherheit gegen die Gepflogenheiten der Literatur verstieß. Männer sind bei Lazar keine Akteure, sondern bestenfalls Objekte weiblicher Begierde, deren sich die Frauen teils sehr libertär mit großem erotischen Selbstbewusstsein bedienen, ohne das groß mit romantischen Gefühlen oder gar Unterordnung zu verbinden.

Tragisch tritt dabei allerdings auch die Abhängigkeit hervor, die die reale Welt Frauen ihrer Zeit auferlegt: Wiederholt sind die Frauen gezwungen, sich aus materieller Not in mehr oder weniger offener, direkter Art zu prostituieren. Frauenfeindliche gesellschaftliche Konventionen machen ihre wirtschaftliche Existenz instabil. Ullas Familie ist geächtet und steht materiell am Abgrund, als die Abtreibungsaktivitäten des Vaters öffentlich werden. Die Ich-Erzählerin verliert ihre Stelle, weil sie die Avancen eines Bibliothekars zurückweist. Und Anette schafft es nicht, den Traum der Mutter zu erfüllen und dank Schulbildung aus der Unterschicht heraus zu einer unabhängigen Frau aufzusteigen. Sie passt nicht ins Schema weiblicher Oberschichten-Wohlanständigkeit und wird deshalb aus dem Bildungssystem aussortiert.

Wie nebenbei beschreibt Lazar damit, wie ökonomische Zwänge und traditionelle Rollenmuster weibliche Selbstverwirklichung behindern. Außer der am konventionellsten lebenden Grete finden sich alle vier Protagonistinnen in prekären Lebensumständen und finanzieller Not. All das erzählt Lazar oft in scheinbar leichtem Ton, aber durchaus markant.

Identitäten verschmelzen

Mit Konventionen und Traditionen bricht auch der Stil des Romans. Lazar bedient sich moderner Erzähltechniken und repräsentiert auch auf diese Art einen Neubeginn. Statt chronologisch zu erzählen, springt sie in der Handlung vor und zurück, bricht, dem Gedankenstrom der schreibenden Erzählerin folgend, immer wieder ab, lässt Lücken offen, beschränkt sich auf Andeutungen, erlaubt ihrer Protagonistin, das eigene Erzählen zu thematisieren und zu reflektieren. In der Mitte des Romans verändert sie die Erzählperspektive. Statt rückblickend zu berichten, führt die Erzählerin nun ein Tagebuch, schildert die Ereignisse somit quasi aus einer Live-Perspektive unter dem jeweils frischen Eindruck der Ereignisse und ohne das Wissen, wie sich die Handlung danach weiterentwickelt.

Dazu kommen erzählerische Elemente, die sicherlich unter dem Einfluss damals junger Theorien der Psychoanalyse stehen. Lazar macht ein Spannungsfeld zwischen individueller und kollektiver Identität auf. An einigen Stellen ist kaum zu unterscheiden, ob die Ich-Erzählerin etwas selbst erlebt hat oder vollständig in eine fremde Perspektive eintaucht. Als im Nordsee-Urlaub Onkel Max nachts das Schlafzimmer der beiden Schwestern betritt, verschwimmt in einem Bewusstseinsstrom etwa die explizite Benennung, an welchem der beiden Mädchen sich der Onkel vergeht:

„Keine Luft mehr zwischen uns. Zwischen mir und Onkel Max. Zwischen mir und Bea. Bea und mir.
Denn jetzt lag ich in seinen Armen, spürte alle Glut seiner ausgehungerten Küsse, weiche Hände voll verwandter Zärtlichkeit – Papa – Papa – so hilf mir doch – mein Leib, mein heller, mein reifer Leib bäumte sich – was ist denn los – oh Gott, ich – ich trage ja keinen Keuschheitsgürtel – warum, warum küsst du mich nur – nur – nur – nur.
Die Tür hatte sich plötzlich geschlossen, das Schloss hatte dabei ein wenig geknarrt, das Zimmer war voll rauchigem Dunst, der Kirchturm steckte in rosiger Watte, wo war ich denn?
In meinem Bett lag ein hageres braunes ausgedurstetes Kind mit zerrissenem Hemd und trockener Kehle – die Fremde.
Und jemand weinte. Bea. Oder ich. Und jeder Stuhl schien unerreichbar weit entfernt.“ (Seite 45)

Mit der auch hier zitierten „Fremden“ führt Lazar ein weiteres Element ein, das der Psychoanalyse entlehnt zu sein scheint. Als „Fremde“ bezeichnet sie eine Frauengestalt, die der Ich-Erzählerin leitmotivisch immer wieder als außenstehende Beobachterin gegenübersteht und sich meist in Spiegelbildern zeigt. Es ist also eine Art Abspaltung von der eigenen Persönlichkeit oder könnte auch als eine Art Über-Ich interpretiert werden.

Expressionistische Bilder

Sprachlich verbindet Lazar einen oft lockeren, unprätentiösen Plauderton mit vereinzelten expressionistischen Bildern und starken Wortneuschöpfungen. Da sind Nachmittage am Meer „muschelschillernd“ (Seite 41), und in Männer kann frau sich – sofern sie sich nicht gerade verliebt – auch „verhassen“ (Seite 140). Inhaltlich, formal und stilistisch wirkt Lazars Text daher bis heute innovativ, was die Lektüre nicht immer leicht, aber umso anregender macht. Viermal ICH ist ein Roman, der klar nach vorne, in neue Zeiten gerichtet ist.

Wer ihn heute in die Hand nimmt, liest dabei gleichzeitig seine Publikationsgeschichte mit. Verfasst 1929, fand das Buch in einem restriktiver, vor allem antisemitischer werdenden gesellschaftlichen und kulturellen Klima bereits keinen Verleger mehr, wie wir aus dem Nachwort von Albert C. Eibl erfahren. Die aus einer jüdischen Familie stammende Maria Lazar veröffentlichte in der Folge nur noch unter dem nordisch klingenden Pseudonym Esther Grenen und gab sich gleichzeitig als deren Übersetzerin aus. Später ging sie ins Exil nach Dänemark und Schweden, wo sie 1948 nach der Diagnose der unheilbaren Krankheit Morbus Cushing Suizid beging.

Nachlass schlummerte in Metallkisten

Viermal ICH blieb über Jahrzehnte in Metallkisten mit Maria Lazars Nachlass verborgen. Ihre Tochter Judith Dunmore wagte dieses schmerzliche Familienerbe niemals anzurühren. Erst 2022 erlaubte deren Tochter Kathleen Dunmore dem Verleger Albert C. Eibl, die Kisten zu öffnen und den unveröffentlichten literarischen Schatz zu bergen. Eibl hatte zuvor Lazars Roman Die Vergiftung in seinem neu gegründeten Verlag Das vergessene Buch neu herausgebracht und Lazar somit zu einem Revival auf dem Buchmarkt verholfen.

Auch diese Umstände der erstmaligen Veröffentlichung von Viermal ICH berühren und sind eine Mahnung vor reaktionären Entwicklungen und vor Unterdrückung nicht nur in Sachen Frauenrechte. Die Botschaft ist heute leider wieder notwendig und aktuell.

  • Maria Lazar, Viermal ICH, Aus dem Nachlass herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Albert C. Eibl, btb Verlag, 224 Seiten, 14 Euro.

Ein Kommentar zu “Maria Lazar, Viermal ICH

Hinterlasse einen Kommentar