Der Weg des Romans Leonard und Paul auf den deutschsprachigen Buchmarkt ist ein ziemlich einmaliger: Für die Veröffentlichung der Übersetzung von Andrea O’Brien wurde nämlich eigens ein Verlag gegründet. Torsten Woywod, Marketingleiter bei DuMont und mittlerweile auch bekannt als Autor des Bestsellers Mathilde und Marie, war durch den Erfolg in Irland und Großbritannien auf das Buch aufmerksam geworden und davon derart begeistert, dass er es unbedingt den deutschsprachigen Lesern zugänglich machen wollte. Wie Woywod im „Börsenblatt“ (Projekt „Leonard und Paul“ – warum mussten Sie das Buch selbst machen?) erzählt, wollte der Autor Rónán Hession seinen Debutroman jedoch ausschließlich in „Indie-Schmieden“ veröffentlichen – ich nehme an, damit sind unabhängige Verlagshäuser gemeint. Daraufhin habe er, Woywod, zusammen mit der Buchbloggerin Frauke Meurer extra den Verlag Woywod & Meurer gegründet und die Publikation von Leonard und Paul mittels einer Crowdfunding-Aktion finanziert.
Freundlich, warm und sehr humorvoll
Nun, wir dürfen davon ausgehen, dass der kommerzielle Erfolg des Romans in Deutschland den Aufwand einer Verlagsgründung gerechtfertigt hat. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die fast legendenhafte Publikationsgeschichte einfach Teil einer gezielten Vermarktung als besondere Independent-Perle ist, die nur abseits des Mainstreams richtig glänzen kann. Genau das ist Leonard und Paul meines Erachtens allerdings nicht unbedingt, sondern im Gegenteil ausgesprochen massentauglicher, leicht lesbarer Bestseller-Stoff, der geeignet ist, eine breite Leserschicht anzusprechen. Das wiederum ändert nichts daran, dass ich das Buch liebe.
Vielleicht ist es ja ein guilty pleasure, aber ich habe Leonard und Paul als eine ausgesprochene Erleichterung empfunden. Eine Erleichterung vom täglichen Blick auf die düstere Weltlage, aber auch eine Erleichterung von einigen gewichtigeren, aber eben auch schwereren Lektüren der letzten Zeit. Der Roman ist freundlich, warm und sehr humorvoll, aber nicht oberflächlich. Er hat sich auf fast unerklärliche Art – wahrscheinlich über das Mittel des Lachens – einen Weg zu meinen Gefühlen freigebrochern.
Sympathie weckt der Roman schon durch seine ausgesprochen unglamourösen Hauptfguren. Die beiden titelgebenden Freunde haben so gar nichts Heldenhaftes an sich, sondern sind eher Nerds, die für die Gesellschaft normalerweise bestenfalls unsichtbar bleiben. Beide leben mit Anfang 30 noch bei den Eltern beziehungsweise in Leonards Fall bei der alleinerziehenden Mutter, denn „sein Vater war auf tragische Weise bei der Geburt gestorben“ (Seite 7). Als er nun auch seine Mutter verliert, steht er an einem Wendepunkt und vor der Aufgabe, einen eigenständigen Weg für sich zu finden: „Wenn ein Einzelkind seinen zweiten Elternteil verliert, wird im Generationenkalender eine neue Seite aufgeschlagen.“ (Seiten 10 f.)
Lieber keine Spuren hinterlassen
Sein bester Freund Paul zeigt in dieser Hinsicht dagegen so gar keine Ambitionen. Ihm genügt es, sein altes Kinderzimmer zu bewohnen, in dem noch Actionfiguren in den Regalen stehen, abends mit den Eltern eine Partie Scrabble zu spielen und an ausgewählten Tagen einem Job als Aushilfspostbote nachzugehen. Unklar bleibt, was zuerst da war: seine vermeintliche Lebensuntauglichkeit oder das überbehütende Verhalten seiner Eltern sowie seiner großen, sich für alles und jeden verantwortlich fühlenden Schwester Grace. Seine Lebensdevise beschreibt Paul so:
„Wie du weißt, halte ich es mit Hippokrates: Ich möchte niemandem Schaden zufügen. Mit ist es lieber, mich im Hintergrund zu halten. So ähnlich wie bei der Verkehrserziehung: Ich warte erst mal, schau gut hin und höre zu, bevor ich loslege. Das hat bis jetzt immer gut funktioniert und mir einen friedlichen Umgang mit meinen Mitmenschen beschert. Es ist auf jeden Fall besser, als auf der Welt Spuren zu hinterlassen, die sie am Ende nur verunstalten.“ (Seite 30)
Auch in Pauls Leben bahnt sich eine Veränderung an. Die Entwicklungen treten allerdings bei beiden Freunden auf eher leisen Sohlen in ihren zuvor akribisch geschilderten Alltag ein. Etwas mehr Fahrt nimmt die Handlung in Bezug auf Leonard auf. Er lernt im Büro eine Frau kennen. Die anfangs holprige und unbeholfene, dann aber doch erfolgreiche Annäherung ist herzerwärmend. Die zart aufkeimende Beziehung inspiriert ihn, auch beruflich aus dem Schatten zu treten. Bislang verfasste er in einem Verlag als ungenannter Ghostwriter Sachbücher für Kinder, auf deren Cover dann namhaftere Wissenschaftler als Autoren genannt wurden, die zum Gelingen der Werke aber herzlich wenig beigetragen hatten. Jetzt nimmt Leonard ein eigenes Herzensprojekt in Angriff, für das er einstehen will.
Warme Ironie und Slapstick
Paul wird unterdessen auf etwas ungewöhnlichen Wegen dazu kommen, sein besonderes Talent zu verwirklichen und zum Nutzen der Gesellschaft einzubringen: das Schweigen. Dass dabei ein Wettbewerb der Industrie- und Handelskammer zur Findung einer zeitgemäßen Abschiedsformel für E-Mails eine wichtige Rolle spielt, zeigt, dass es in dem Roman mitunter reichlich skurril zugeht.
Doch auch wenn ich normalerweise kein großer Freund des allzu Schrullig-Abstrusen bin: Hier funktioniert diese Art des Humors bestens und hat mich herzlich zum Lachen gebracht. Der Roman kombiniert typisch englischen trockenen Witz mit einigen regelrechten Slapstick-Szenen, über die ich mich immer wieder sehr amüsiert habe – etwa wenn Paul wütend eine Konfektdose, die seine Mutter Helen gekauft hat, in den Supermarkt zurückbringt und sich mit viel Tamtam beim Filialleiter beschwert, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten sei. Unter den sensationslüsternen Blicken mehrerer Schaulustiger, die sich an dem Streit ergötzen, öffnet der Filialleiter die Dose, um zu sehen, ob die Schokolade denn tatsächlich schon schlecht geworden ist.
„Die Meute erwartete ein Ende oder eine Auflösung des Spektakels, was ihnen umgehend beschert werden sollte.
Der Filialleiter stemmte den Deckel auf, der sich mit einem lang gezogenen Ploppen löste.
Im Inneren war deutlich zu sehen, dass die Dose bis zum Rand gefüllt war, allerdings nicht mit verdorbenem Konfekt in unterschiedlichem Aggregatszustand, sondern mit Helens Nähutensilien.“ (Seite 108)
Ja, an solchen schlichten Gags habe ich meine Freude. Vor allem, wenn sie wie hier zu einer liebevollen Charakterisierung der Figuren beitragen. Der Roman würde nie über seine Figuren lachen, sondern immer nur mit ihnen.
Geborgenheit in Familie und Freundschaft
Und so erscheinen die gemeinsamen Spielabende in Pauls Familie auch keineswegs als Karikatur eines biederen Kleinbürgertums, sondern verströmen ein Gefühl der Geborgenheit, das mich berührt hat. Der Text betrachtet jeden mit Sympathie, urteilt nicht, sondern gibt allen, auch den vermeintlichen Verlierern, Außenseitern oder Langweilern, ihren Wert und ihre Würde. Hinter dem leichten Stil und der eingängigen Sprache liegt eine Basis von tiefer Menschenkenntnis und trotzdem Menschenfreundlichkeit, von Toleranz und Verständnis. Und der Roman setzt der gehetzten Leistungsgesellschaft mit ihrem Anspruchsdenken ein Gegenmodell entgegen, das Leonard gedanklich so formuliert:
„Ihre Freundschaft war mehr als die bequeme Verbindung zweier alleinstehender Männer, die ansonsten wenig Auswahl hatten – sie war ein Pakt. Ein Pakt gegen die Unrast und Achtlosigkeit, die den Rest der Welt erfasst hatten. Ein Pakt der Bescheidenheit gegen Konkurrenzgerangel und Getöse.“ (Seite 167)
Dazu passen die langsame und unspektakuläre Erzählweise des Romans und seine sanfte Ironie ohne jede Bösartigkeit. Auch das Buch selbst ist ein Alternativprogramm zu Gerangel und Getöse. Nun gut, das etwas klischeehafte Finale auf Graces Hochzeit, deren Vorbereitung sich wie ein Running Gag durch das ganze Buch gezogen hat, wandelt hart an der Grenze zum Kitsch. Und das glückliche Ende für Paul ist mir dann doch etwas zu schräg. Aber vielleicht gehört beides – in der richtigen Dosis – dazu, einen für ein paar Lesestunden lächeln und daran glauben zu lassen, dass die Welt doch nicht so übel ist.
- Rónán Hession, Leonard und Paul, Aus dem irischen Englisch von Andrea O’Brien, Taschenbuchausgabe im DuMont Buchverlag, 320 Seiten, 14 Euro.