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Ghost Stories ist für mich ein literarisches Ereignis, aus vielen Gründen. Ich habe Siri Hustvedts „Buch der Erinnerung“ an ihre Ehe mit Paul Auster, an seine Krebserkrankung, seinen Tod und die Trauer um ihn über weite Strecken mit angehaltenem Atem gelesen. Mit der einerseits sehr offenen und emotionalen, andererseits aber auch präzisen und analytischen Beschreibung dessen, was der Verlust eines geliebten Menschen bei demjenigen bewirkt, der zurückbliebt, hat Hustvedt mich sehr bewegt. Bei aller Trauer und trotz der vorherrschenden Perspektive der Vergänglichkeit hat Ghost Stories für mich aber auch etwas Ermutigendes und Lebensbejahendes.

Buch der Trauer um Paul Auster

Ausgangspunkt dieses Memoirs ist der Tod des amerikanischen Schriftstellers Paul Auster am 30. April 2024 im Alter von 77 Jahren an Lungenkrebs. Seine Ehefrau, die ebenso bedeutende Autorin Siri Hustvedt, thematisiert in ihrem Buch zentral ihre Trauer. Darunter darf man sich aber keine larmoyante Selbstbespiegelung vorstellen. Der Ansatz der Intellektuellen Hustvedt ist ein anderer. Sie beobachtet und beschreibt ihre psychischen und physischen Reaktionen fast wie eine Beobachterin von außen, reflektiert sie und unterfüttert sie mit philosophischen Überlegungen und Erkenntnissen der Wissenschaft, wie etwa der Neuropsychologie. Alles zu lesen, was sie zu einem bestimmten Phänomen in die Finger bekommt, das ist für Hustvedt eine Art Überlebensstrategie und Ankerpunkt.

Sie schildert, wie sie durch Pauls Tod aus jeder Sicherheit gerissen wird, wie sie in bekannten New Yorker Straßen komplett die Orientierung verliert, sie durch einen Putz- und Entsorgungswahn versucht, Kontrolle zurückzugewinnen, und stellt sich selbst die Diagnose „kognitive Splitterung“ (Seite 27). Sie erzählt von unerklärlichen Schmerzen in den Rippen, von hypochondrischen Ängsten und ihrem Leben in einer „Schutzhaltung“, denn: „Der Gedanke, dass noch mehr Schreckliches vorfallen könnte, lauerte wie ein kaum hörbares Dröhnen in mir“ (Seite 271).

Rückkehr als Geist

Hustvedt berichtet, dass sie ihren verstorbenen Mann als Präsenz in der gemeinsamen Wohnung wahrnimmt. Wie ihr immer wieder der für ihn typische Zigarrengeruch in die Nase steigt. Kurz vor seinem Tod hat er ihr gesagt, dass er als Geist zu ihr zurückkehren möchte. Für ihre Wahrnehmungen zieht sie neurologische wie psychologische Erklärungsmuster heran und gibt zudem einen Abriss verschiedener spiritistischer Strömungen.

Ich habe die verschiedenen Angebote an den Leser, die in Hustvedts Text stecken, dankbar angenommen. Da ist zum einen die Identifikation. Einige der Trauerreaktionen habe ich zwar nicht identisch nach dem Tod meiner Eltern erlebt, wusste aber doch genau, wovon Hustvedt spricht, entweder von mir selbst oder dem, was meine Mutter nach dem Tod meines Vaters, ihres Mannes, mit dem sie über 60 Jahre verheiratet war, durchlebt haben muss.

E-Mails über Verlauf der Krebstherapie

Meine Mutter aber konnte nie darüber reden, was mit ihr passierte und in ihr vorging. Und ich kann es auch nicht, weil es schwer in Worte zu fassen ist und auch aus dem Gefühl heraus, dass es die Menschen entweder nicht hören möchten oder ich sie nicht damit belasten oder langweilen will. Daher war es für mich persönlich erleichternd, dass Hustvedt präzise benennt, was ein trauernder Mensch durchlebt. Es hat mich vieles an mir selbst erkennen lassen, und ich konnte es besser als normal, legitim und erklärbar einordnen. Dabei ist Hustvedts Vorgehensweise, einen Schritt von sich selbst zurückzutreten und Persönliches in einen Zusammenhang einzuordnen, enorm hilfreich.

Siri Hustvedt spart dabei nichts aus. Auch nicht den Verlauf der Krankheit und die – letztlich erfolglose – Therapie ihres Mannes. Einen unmittelbaren und schonungslosen Einblick von der Diagnose bis zu seinem Tod gibt sie in Form einer Reihe von Rund-Mails, in denen sie enge Freunde in jener Zeit über den jeweiligen medizinischen Stand informierte. Diese Passagen empfand ich als besonders schmerzlich zu lesen. Doch auch die Dokumentation einer solchen Reise, deren Details man im Nachhinein eigentlich aus dem Gedächtnis streichen will, finde ich wichtig. All das ist Teil des Lebens vieler Menschen, es gibt keinen Grund, ihn zu tabuisieren. Die Würde und Intimsphäre Paul Austers bleibt dabei zu jeder Zeit gewahrt. Hustvedts Text hat nichts Voyeuristisches an sich.

Liebesgeschichte von Siri und Paul

Das gilt auch für eine weitere Facette des Memoirs: die Einblicke in die Liebesgeschichte und die 43-jährige Ehe von Siri Hustvedt und Paul Auster. Beide bewundere ich seit vielen Jahren als brillante Autoren, beide zusammen übten als Intellektuellen-Paar auch persönlich eine große Faszination aus. Natürlich habe ich mich sehr dafür interessiert, wie die beiden zueinander fanden und wie ihr Zusammenleben aussah. Hustvedt beschreibt, wie beide in ihrem Haus in Brooklyn auf grünen Sesseln sitzen, sich aus ihren Texten vorlesen oder darüber offen und auf Augenhöhe diskutieren. Von ihrem Mann kann Hustvedt die Feststellung annehmen, dass sie auch mit der dritten Version ihres Romans Was ich liebte noch nicht am Ziel angekommen sei – und sie schreibt ihn ein viertes Mal von Grund auf neu.

Die liebevolle Erinnerung an den Literaten und Menschen Paul Auster hat mich zusätzlich insofern berührt, als sein Tod auch für uns als Leser*innen ein Verlust war, ein Abschied von einer Epoche des persönlichen Leselebens und vielleicht auch von einer Generation von Schriftstellern, die ihre Texte wie Auster auf der Schreibmaschine tippten, die aus einer inneren Notwendigkeit heraus schrieben und nicht in erster Linie mit der Selbstvermarktung auf Instagram beschäftigt waren – Paul Auster besaß nicht einmal ein Handy.

Tragödie um Sohn Daniel Auster

Als dunkler Schatten liegt über der Familie das Verhältnis zu Daniel, Paul Austers Sohn aus erster Ehe, der drogenabhängig war. 2021 stirbt Daniel Austers zehn Monate alte Tochter Ruby an einer Vergiftung mit Fentanyl und Heroin, Daniel wird der fahrlässigen Tötung beschuldigt. Im April 2022 stirbt er selbst an einer Überdosis.

Auch hier gelingt Hustvedt eine Gratwanderung. Die der Öffentlichkeit ohnehin großteils bekannten Fakten gibt sie ohne Aussparungen wieder. Sie bedient dabei aber in keiner Weise eine Art von Sensationslust, wahrt genügend Diskretion und lässt uns doch in der Beschreibung einiger Situationen ganz nah heran an die Auswirkungen auf die Familienkonstellation. Die auf der Hand liegende Frage, ob diese Tragödie in Zusammenhang mit Paul Austers Krebserkrankung steht, spricht Siri Hustvedt offen an, aber ohne Schuldzuweisung und ohne Spekulation, sondern in sorgsamer Abwägung des wissenschaftlichen Kenntnisstands.

Katastrophe Donald Trump

Nicht zuletzt sind auch einige politische Überlegungen von Bedeutung, die Hustvedt in ihrem Buch anstellt. Offen spricht sie es als Problem an, dass sie als weibliche Autorin von Teilen der Öffentlichkeit allzu oft als eine Art Anhängsel Paul Austers wahrgenommen wurde, „die Frau von“ eben. Damit legt sie frauenfeindliche Tendenzen in Gesellschaft und Kulturbetrieb offen. Ehe-intern aber gab es zwischen Auster und Hustvedt keinerlei intellektuelle Hierarchie, und schon gar kein Konkurrenzdenken, das beiden bisweilen von außen angedichtet wurde. Auster sprach von seiner Frau vielmehr als von „der Intellektuellen in der Familie“.

Des Weiteren bezieht Hustvedt klar Stellung gegen die akute Zerstörung der Demokratie in den USA durch die Wiederwahl Donald Trumps. Sehr zu Recht zieht sie Parallelen zu Mechanismen der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten in Deutschland. Die zweite Wahl Trumps sieht sie als Katastrophe, die Paul Auster zu seinem Glück nicht mehr miterleben musste.

Briefe an Enkel Miles

Jetzt habe ich Ghost Stories fast beschrieben, als sei es entweder eine Art Lebenshilfebuch, ein wissenschaftliches Traktat oder eine klassische (Auto-)Biografie. Sicher steckt von allem etwas darin. In erster Linie aber handelt es sich um ein wunderbares Kunstwerk, geschrieben in schöner, klarer Sprache. Ihr Gesamtbild des großen Wir „Siri und Paul“ montiert Siri Hustvedt aus ganz verschiedenen literarischen Darstellungsformen zusammen: erzählenden und essayistischen Passagen, authentischen Dokumenten wie den besagten Rund-Mails oder auch Liebesbriefen, die sie ihrem Mann am Anfang der Beziehung schrieb, sowie aus Texten, die Auster selbst kurz vor seinem Tod verfasste. Er schrieb eine Reihe von Briefen an seinen im Januar 2024 geborenen Enkel Miles, in dem Wissen, dass dieser niemals eine eigene Erinnerung an seinen Großvater haben würde. Diese thematisieren vor allem die Familiengeschichte – ein weiterer sehr berührender Aspekt des Buchs.

Die Art, wie Hustvedt in Ghost Stories Elemente, die scheinbar nicht zusammenpassen, zu einem großen Ganzen zusammenfügt, hat mich auch an Techniken erinnert, die Auster selbst in seinen Romanen anwandte.

Siri Hustvedt hat mit Ghost Stories das Leben mit all seinen schönen Seiten, seiner Vergänglichkeit und seinen Verlusten in Kunst verwandelt, und das hat mich sehr inspiriert. Und wie wundervoll, dass sie ihrem Mann auf dem Sterbebett trotz und wegen alles gemeinsam Erlebten sagen kann: „Wir hatten so viel Spaß.“

  • Siri Hustvedt, Ghost Stories. Ein Buch der Erinnerung, Rowohlt, 400 Seiten, 25 Euro.

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