Mit Erzählungen ist es so eine Sache. Als Leser*in hat man nur kurze Zeit, eine Beziehung zu den Figuren und Themen aufzubauen. Trotzdem gibt es Erzählungen, deren Personen und Motive mir noch lange im Gedächtnis bleiben. Andere hingegen sind spurlos an mir vorübergegangen. Beide Kategorien sind im Band I Walk Between the Raindrops von T.C. Boyle vertreten.
Aufgrund meines persönlichen Leseablaufs kann ich sagen: Die ersten vier Erzählungen habe ich nach einem Jahr weitestgehend vergessen. Zum ersten Mal griff ich nämlich im Frühjahr 2025 zu dem Buch, in der festen Absicht, die 13 enthaltenen Erzählungen eine nach der anderen hintereinander weg zu lesen. Aber ob es an mir, meiner Lebenssituation oder an den Texten selbst lag: Ich fand diesmal überhaupt nicht rein in den Sound meines sonst so verehrten T.C. Boyle. Ich sah mich in meinen hohen Erwartungen enttäuscht, die Lust am Weiterlesen schwand, und ich legte das Buch erst mal zur Seite. Aber T.C. Boyle hat immer eine zweite Chance verdient, und die bekam I Walk Between The Raindrops nach über einjähriger Pause als Zweitlektüre und „Fiction-Gegenpol“ neben einem Sachbuch. Die nächsten Erzählungen weckten meine alte Boyle-Begeisterung wieder zum Leben. Ich fand den Zeitbeobachter mit der coolen Sprache, mit dem satirischen Blick auf die gesellschaftlichen Widersprüche unserer Zeit und dem großen Herzen für die, die am Rande stehen, wieder, den ich immer so geschätzt hatte.
Mensch und Natur
Es ist natürlich völlig subjektiv, aber mich persönlich am meisten angesprochen hat die Erzählung „Dies sind die Umstände“. Sie bringt pointiert das ambivalente Verhältnis zwischen unserer heutigen Zivilisation und der Natur zum Ausdruck. Einerseits gibt es da die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Natur, die sicher in vielerlei Hinsicht ihre Berechtigung hat und uns selbst und dem Planeten sehr gut tun würde. Andererseits wird vieles davon als reine Fassade enttarnt, sobald wir merken, dass wir wahre „Natur“ eigentlich gar nicht aushalten können, wenn sie tatsächlich in unsere menschengemachte Lebensrealität eindringt. So ergeht es einem Ehepaar, dem wir zunächst dabei zusehen, wie es – die Frau hat darauf gedrängt, der Mann folgte widerwillig – an einer Art Achtsamkeitsspaziergang mit Bäume-Umarmen im Wald teilnimmt. Als der Mann dabei unter einem Stein einen giftigen Skorpion entdeckt, bekommt das doch reichlich aufgesetzt wirkende Idyll einen ersten Riss. Es ist das Vorzeichen für die weitere Entwicklung. Der Mann entdeckt eine Klapperschlange im heimischen Garten – eine Begegnung mit weitreichenden Folgen.
Auf ganz andere Weise lässt Boyle Mensch und Tier in der Erzählung „Hundelabor“ aufeinandertreffen. Wir befinden uns im Getriebe der Medizinerausbildung. Angehende Chirurgen üben ihr Handwerk an Hunden aus dem Tierheim, die nach Erfüllung ihrer Funktion entsorgt werden – begründet mit der Entschuldigung des höheren Zwecks und damit, dass diese nicht vermittelbaren Tiere sonst ohnehin eingeschläfert worden wären. Der Mensch verdinglicht seine Mitkreaturen – und vermenschlicht sie dann wieder, als einer der Studenten eine emotionale Bindung zu seinem Versuchsobjekt aufbaut. Dass das aus dem „Hundelabor“ gerettete Tier am Ende doch nicht im Alltag integriert werden kann – der Vermieter erlaubt keine Haustiere – und stattdessen bei der Mutter des Studenten abgeladen wird, ist der kühle Schlenker, mit dem Boyle jeden Kitsch-Verdacht umgeht.
Die Doppelbödigkeit, die Ironie und die kleinen Boshaftigkeiten, aber auch die darunter liegende Traurigkeit sowie der subtile Blick auf Heuchelei und Doppelstandards, ohne seine Figuren zu verurteilen oder zu verraten: Da ist er wieder, mein T.C. Boyle! Und wie er das alles schwungvoll-knackig und äußerst unterhaltsam erzählt, mit Haltung, aber ohne belehrend zu wirken, dafür liebe ich ihn.
Digitaler Dystopie
Der Band I Walk Between the Raindrops enthält noch einen anderen Typus von Erzählungen, in denen ich bekannte Boyle-Motive wiedererkennt habe. Alkoholismus und seine Folgen auf familiäre Gefüge sind ein Thema, das Boyle aus biografischen Gründen beschäftigt und das sich in der ganz und gar ernsthaften Geschichte „Der Schlüssel zum Königreich“ wiederfindet. Ein trinkender, alternder Schriftsteller bekommt Besuch von einem fremden jungen Mann, der sich als sein aus einer Affäre hervorgegangener Sohn vorstellt. Doch zur Entwicklung von väterlichen Gefühlen oder gar der Übernahme von Verantwortung ist er nicht in der Lage.
Und dann sind da noch die Erzählungen, die weitere gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen der Moderne auf die Spitze treiben. In „SKS 750“ entwirft Boyle das Bild eines digitalen Überwachungsstaats, dessen „Bürger“ einem ständigen Bewertungssystem je nach einem genormten Verhaltenskodex unterworfen sind. Eine Dystopie? Sicher ist unser Weg in einen Zustand, den uns Boyle hier noch als Groteske aufzeigt, kürzer, als uns lieb ist. Dank des von Boyle treffend und irgendwie auch verständnisvoll gezeichneten Opportunismus lässt sich die Diktatur allzu leicht durchsetzen. Die USA unter Trump lassen grüßen!
Blick auf die Abgehängten
Boyles besonderes Augenmerk gilt denen, die auf der Strecke bleiben. Die können warmherzig-witzig auf den Punkt gebracht werden wie in dem wundervollen Satz: „Seine Mutter lebte zwei Autostunden entfernt. Und er hatte kein Auto.“ Aber nicht immer müssen die Abgehängten und zu Freaks Erklärten Sympathieträger sein. So ist es im Fall eines jungen Arbeitslosen, der in der Erzählung „Die Form einer Träne“ nach Jobverlust und zerbrochener Beziehung wieder bei seinen Eltern einzieht und sich letztlich vollkommen von der Außenwelt abschirmt bis hin zur Verwahrlosung, bis der Konflikt mit den hilflosen Eltern eskaliert. Die gesellschaftliche Sprengkraft von Frust und Aggression insbesondere bei verunsicherten Männern kommt hier, wie auch in einigen anderen Werken Boyles, zum Vorschein.
Mächtiges Brodeln unter gutbürgerlicher Oberfläche: Das transportiert nicht zuletzt die Geschichte „Der dreizehnte Tag“, die, obwohl schon ein paar Jahre alt, zum Zeitpunkt meiner Lektüre wieder eine frappierende Aktualität hatte: Boyle erzählt von einem Kreuzfahrtschiff, das in keinem Hafen anlegen darf, als an Bord Corona-Infektionen festgestellt werden. Wie lebensnah dieses fast verdrängte, gespenstische Szenario der Moderne ist, haben wir im April 2026 ja gerade erst an der Irrfahrt der in Argentinien abgelegten „MV Hondius“ erlebt, auf der das Hantavirus ausgebrochen war. Boyle hat sich hier also einmal mehr als der scharfsichtige Autor erwiesen, der satirisch den Finger in die Wunden einer Zeit der Entfremdung und des überall drohenden Kontrollverlusts legt.
- T.C. Boyle, I Walk Between the Raindrops, Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren und Anette Grube, Carl Hanser Verlag, 272 Seiten, 25 Euro. (auch erhältlich als Taschenbuch, dtv, 15 Euro)