Was mich davor schützte, war – meine Nase. Ich besitze einen ziemlich ausgebildeten geistigen Geruchssinn, oder, anders ausgedrückt, ein Gefühl für die ästhetischen Valeurs (und Non-valeurs!) einer menschlichen, moralischen, politischen Haltung oder Gesinnung. Den meisten Deutschen fehlt leider das gerade vollständig. (Seite 102)
Diese „Nase“, die den Publizisten Sebastian Haffner nach eigenen Worten davor schützte, ein Nazi zu werden: Sie hätte heute, im Deutschland des Jahres 2026, wieder allerhand üble Gerüche zu verkraften. Man braucht gar kein besonderes Feingefühl, damit allenthalben beim Blick in bestimmte Medien und beim Hören diverser Äußerungen im sozialen Umfeld bis in die eigene Familie hinein der „Nazi-Radar“ anschlägt, um mal eine eigene Wortschöpfung hinzuzufügen. Wie man es auch nennt: Haffners Feststellung, dass zumindest vielen Menschen die innere Haltung und das nötige Wertegerüst fehlen, bestimmte Phänomene als das wahrzunehmen, was sie sind, ist leider wieder vollkommen aktuell und zutreffend. In Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933 beschrieb Haffner 1939, wie er als Privatperson in Deutschland die Vorgeschichte und den Aufstieg des Nationalsozialismus erlebte. Vor ein paar Jahren hätte ich so ein Buch noch als Mahnung gelesen, dass sich Geschichte nicht wiederholen sollte. Heute sehe ich in vielen Passagen ein getreues Abbild unserer Gegenwart.
Unmittelbare Innensicht eines Privatmenschen
Sebastian Haffner, geboren 1907 in Berlin als Raimund Pretzel, studierte zunächst Jura und promovierte in diesem Fach. 1938 emigrierte er nach England, wo er begann, für den Observer zu schreiben, und als Journalist Karriere machte. 1954 kehrte er als Korrespondent des Observer zurück nach Berlin, schrieb später auch für deutsche Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem über viele Jahre eine Kolumne im Stern. Bekannt wurde er zudem durch seine politisch-historischen Sachbücher, etwa Anmerkungen über Hitler. Sebastian Haffner – das Pseudonym setzt sich zusammen aus einer Hommage an Johann Sebastian Bach und Mozarts „Haffner-Symphonie“ – starb 1999 im Alter von 91 Jahren. Geschichte eines Deutschen, verfasst 1939, erschien posthum eineinhalb Jahre nach seinem Tod. 2025 wurde ein weiteres Werk aus seinem Nachlass, der Roman Abschied, zum Bestseller.
Das Besondere an der Geschichte eines Deutschen ist die unmittelbare Innensicht aus einer bewegten, auf die Katastrophe zusteuernden Epoche. Der Autor schildert, wie er zunächst als Kind, dann als Heranwachsender und junger Erwachsener die Zeit vom Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung erlebt hat. Das Buch ist somit eine Art Geschichtsschreibung von unten. Wie stellte sich die Entwicklung nicht auf der Ebene der Mächtigen, der politischen Entscheidungsträger dar, sondern für die ganz normalen Bürger als Privatmenschen? Das lässt sich aus Haffners Erinnerungen ganz unmittelbar und gleichzeitig klug reflektierend erfahren.
Erklärungen, keine Entschuldigungen
Viele Leser werden in einem Buch Antworten auf die Frage suchen: „Wie konnte es soweit kommen?“ Haffner bietet Erklärungen an, Entschuldigungen aber sicher nicht. Seine Analyse beginnt mit der Erfahrung des Ersten Weltkriegs, den er auch als Propagandakrieg zeichnet. Den verbreiteten Nachrichten zufolge erringt Deutschland auf dem Schlachtfeld Sieg um Sieg – bis der Krieg dann plötzlich verloren ist. Haffner schreibt vom folgenden Revolutionschaos und wirft den Sozialdemokraten in diesem Zusammenhang Verrat vor. Das Erlebnis der Hyperinflation 1923 habe den Deutschen „ein seelisches Organ entfernt“, schriebt Haffner: „ein Organ, das dem Menschen Standfestigkeit, Gleichgewicht, freilich auch Schwere gibt, und das sich je nachdem als Gewissen, Vernunft, Erfahrungsweisheit, Grundsatztreue, Moral oder Gottesfurcht äußert“ (Seite 53). Sehr beeindruckt hat mich die Beschreibung, wie die Familie des Vaters, eines hohen preußischen Beamten, sofort, wenn das Monatsgehalt eintrifft, hektisch alles für die Monatskarte der U-Bahn und große Vorräte an unverderblichen Lebensmitteln ausgibt, bevor der Wert des Geldes verfällt.
Nach so viel Dramatik hätten es die Deutschen verlernt, in besseren Zeiten mit ihrer privaten Freiheit etwas anzufangen, hätten sich nach der ersten Gelegenheit gesehnt, „um die ganze Friedenszeit zu liquidieren und neue kollektive Abenteuer zu starten“ (Seite 69), so Haffner. Und das „wir“, zu dem sich der Autor zählt, „dies unbestimmte ,wir‘, das keinen Namen hat, keine Partei, keine Organisation und kein Macht“ (Seite 81) sei immer mehr zu einer Minderheit in Deutschland geworden. „Was es nicht mehr gab, war Lebensfreude, Liebenswürdigkeit, Harmlosigkeit, Wohlwollen, Verständnis, Gutwilligkeit, Großzügigkeit und Humor“ (Seite 91).
Der Fall des Kammergerichts
Ausführlich widmet sich Haffner auch dem Jahr der Machtergreifung, berichtet vom Judenboykott und der eigentümlichen Reaktion, dass, trotz einer leisen Missbilligung dieser Maßnahme, eine Diskussion über „Wert“ und „Lebensberechtigung“ der Juden aufkeimt: „Jeder fühlte sich auf einmal bemüßigt und berechtigt, sich eine Meinung über die Juden zu bilden und sie zum besten zu geben. Man machte feine Unterscheidungen zwischen ,anständigen‘ Juden und anderen“ (Seite 138). Feinsinnig und treffend arbeitet Haffner damit den Antisemitismus heraus, der einer vermeintlichen „Verteidigung“ der Juden innewohnen kann.
Eindrucksvoll ist die Schilderung, wie sich Institutionen wie das Berliner Kammergericht der Gewalt der neuen Machthaber beugen. SA-Männer stürmen den altehrwürdigen Bau und fordern alle jüdischen Juristen auf, das Haus zu verlassen. Ohne größeren Widerstand wird den Befehlen Folge geleistet. Haffner, der als Referendar am Gericht tätig ist, wird von einem SA-Mann gefragt: „Sind Sie arisch?“ und antwortet zu seiner eigenen Beschämung: „Ja.“ (Seite 147)
Widerstand unmöglich geworden
Die Beschreibung, wie sich eine Gesellschaft einer faschistischen Herrschaft beugt, sich unter dem Druck von Gewalt anpasst, opportunistisch ihr eigenes Fortkommen sucht, ist bedrückend. „Wo sind eigentlich die Deutschen geblieben?“, fragt Haffner. „Noch am 5. März 1933 hat die Mehrheit von ihnen gegen Hitler gewählt. Was ist aus dieser Mehrheit geworden? Ist sie gestorben? Vom Erdboden verschwunden?“ (Seite 173). Die Lage der nichtnazistischen Deutschen im Sommer 1933 nennt er „eine der schwierigsten, in der sich Menschen befinden können“: „Alle Festungen waren gefallen, jeder kollektive Widerstand war unmöglich geworden, individueller Widerstand nur noch eine Form des Selbstmordes. […] Ein kleiner Pakt mit dem Teufel – und man gehörte nicht mehr zu den Gefangenen und Gejagten, sondern zu den Siegern und Verfolgern“ (Seite 186). Haffner selbst sieht für sich, nachdem er den Eltern zuliebe das Jurastudium abgeschlossen hat, nur mehr den Ausweg der Emigration.
Haffners Klarsichtigkeit in einem historischen Moment, in dem viele andere das Ausmaß der Katastrophe des Naziregimes noch nicht wahrgenommen haben wollen, ist frappierend und etwas, das wir uns zum Vorbild nehmen sollten. Dass er dafür eine ebenso deutliche wie elegante und wunderbar zu lesende Sprache, plastische Bilder und aussagekräftige Beispiele verwendet, macht sein Buch nicht nur zu einem wichtigen historischen Dokument, sondern auch zu einem literarischen Genuss. Haffners eigene Vermutung, mit seinen privaten Erinnerungen nicht nur Geschichte zu erzählen, sondern „vielleicht sogar zukünftige Geschichte“ (Seite 174), bestätigt sich gerade. Haffner zu lesen, könnte Menschen helfen, eine bessere „Nase“ zu entwickeln, was in unserer Aktualität geschieht und was uns droht.
- Sebastian Haffner, Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933, meine Ausgabe: DVA, 239 Seiten, antiquarisch erhältlich; aktuell erhältliche Ausgabe: mit einem Nachwort von Oliver Pretzel, Pantheon Verlag, 304 Seiten, 20 Euro.