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Leise, unaufdringlich und feinfühlig erzählt die britische Autorin Carys Davies in ihrem kurzen Roman Ein klarer Tag die Geschichte dreier emotional auf besondere Weise verbundener Menschen. Sie wählt dafür einen interessanten sozialgeschichtlichen Hintergrund aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und eine beeindruckende Naturkulisse. Ein zentrales Thema ist aber auch die Sprache: wie sie Menschen verbinden, ihren Horizont erweitern, sie aber auch trennen und begrenzen kann. Aus all dem hat Davies ein stimmiges kleines Kunstwerk geschaffen.

Hintergrund der „Highland Clearances“

Ein klarer Tag: Der Titel der Erzählung bezieht sich auf ein kurzes sonniges Intermezzo am Handlungsort, einer Shetland-Insel, während dessen die Handlung ihren Anfang nimmt. Der „klare Tag“ beziehungsweise noch mehr der englische Originaltitel Clear trägt aber auch eine Anspielung auf den historischen Kontext in sich, nämlich die sogenannten „Highland Clearances“, also „die Vertreibung der ansässigen Bevölkerung im schottischen Hochland zugunsten der flächendeckenden Einführung der Schafzucht, beginnend im späten 18. Jahrhundert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts“ (Wikipedia).

Im Roman wird im Jahr 1843 – eher unfreiwillig – der Pfarrer John Ferguson in diesen Vorgang verstrickt. Er hat aus Gewissensgründen sein Amt in der presbyterianischen Kirche aufgegeben und sich der Schottischen Freikirche angeschlossen – mit der Folge, dass er nun weitestgehend mittellos dasteht und nicht weiß, wie er sich und seine Frau Mary durchbringen, geschweige denn einer Gemeinde eine halbwegs würdige Gebetsstätte geben soll. In dieser Notlage akzeptiert er ein gut bezahltes Jobangebot, das ihm sein Schwager vermittelt hat. Im Auftrag eines Großgrundbesitzers soll er auf eine abgelegene Shetland-Insel reisen, um den letzten dort verbliebenen Einwohner abzuholen beziehungsweise zu vertreiben – notfalls wohl mit Gewalt, denn man gibt ihm eine Pistole mit auf den Weg.

Die glückliche Ankunft nach stürmischer Überfahrt macht den wackeren Pfarrer wohl etwas übermütig, denn an seinem ersten Tag unternimmt er von seinem Quartier, dem seit Jahren leer stehenden Haus des Gutverwalters, einen Ausflug zu einer Quelle, um sich zu waschen und seine Kleidung an der schönen, frischen Luft trocknen zu lassen. Es dauert aber nicht lange, bis er auf den glitschigen Klippen ausrutscht, stürzt und nackt und schwer verletzt liegen bleibt.

Aus Fürsorge wird Zärtlichkeit

So findet ihn später Ivar, der letzte Inselbewohner, und nimmt ihn – nicht wissend, wie, woher und wozu dieser Fremde gekommen ist – in seine Obhut und Pflege. Aus der Situation des engen Zusammenlebens und der Fürsorge heraus entwickelt sich zuerst bei Ivar eine Welle der Zärtlichkeit. Beidseitig wächst die Verbindung der beiden Männer, die sich zunächst sprachlos gegenüberstehen. Mit Gesten und Pantomime treten sie in Kommunikation. Auf diese Weise lernt John immer mehr von Ivars praktisch ausgestorbener Sprache Norn. Unausgesprochen bleibt bei all dem jedoch das eigentliche Ziel von Johns Reise. Den Pfarrer bringen die erfahrene Güte und die erblühende Freundschaft zu Ivar in Gewissensnöte. Derweil macht sich seine Ehefrau Mary auf den Weg, um ihrem Mann auf die Shetland-Inseln hinterherzureisen, weil ihr die ganze grausame und gefährliche Dimension seines Auftrags immer mehr bewusst wird.

Besonders gut gefallen hat mir an Ein klarer Tag das Spannungsfeld rund ums Sprechen und Verschweigen, das Carys Davies in ihrer Erzählung aufbaut. Mit John Ferguson sind wir als Leser*innen fasziniert vom Reichturm der Sprache Norn, in der sich vieles benennen lässt, wofür dem Pfarrer sonst die Worte fehlen würden und das er in seiner Wahrnehmung kaum zu unterscheiden weiß. Dass es jeweils eigene Begrifflichkeiten gibt, so macht Davies deutlich, bedeutet für Ferguson einerseits eine Eroberung der fremden, reichen Natur, die ihn umgibt, und fordert ihn andererseits zu genauem Hinsehen, Nachfühlen und Differenzieren heraus.

„Am einfachsten fand er die Vögel, Fische und Pflanzen, weil Ivar einfach beim Gehen darauf zeigte, und wenn John Ferguson sie identifizieren konnte, war die Sache ganz leicht.
Surek. Lorin. Flodrek. Klonger. Hirvek.
Sauerampfer. Kormoran. Klette. Wildrose. Seetaucher.
Hogla. Longri. Horseheuv.
Bergwiese. Trottellumme. Sumpfdotterblume.
Die Farben waren auch leicht, denn er hatte sie alle vor Augen, dort an den Tieren und Pflanzen: ernskit war ein gräuliches, gebrochenes Blau; dombet war dunklegrau; broget war scheckig oder bunt.
Andere Wörter waren schwieriger, weil viele davon mit den Veränderungen von Wetter, Wind und Meeresoberfläche zu tun hatten. Für Ivar besaßen sie anscheinend eine spezifische Bedeutung, trotzdem konnte John Ferguson sie nicht klar voneinander abgrenzen. Manche machten ihn ratlos, Wörter wie gilgal und skreul, pulter und yog, fester und dreetslengi, die anscheinend etwas Konkretes benannten, das sich seiner Erfahrung und seiner Beobachtungsgabe aber entzog. Mit einem gewissen Gefühl der Niederlage übersetzte er sie alle als ‚raue See‘.“ (Seiten 108 f.)

Sehr nachvollziehbar wird Johns Begeisterung für die Sprache auch am Beispiel doppeldeutiger Wörter: Eines davon „bezeichnete das Gefühl, wenn ein Fisch am Angelhaken knabbert, gleichzeitig konnte es, falls John Ferguson es richtig verstanden hatte, eine ,Ahnung‘ beschreiben, einen ,vagen Eindruck'“ (Seite 183).

Reichtum und Grenzen der Sprache

In Johns Vokabelliste, die er sich aufschreibt, erkennt Ivar ein Sinnbild für die wachsende Verbindung zwischen den beiden Männern. Für ihre Gefühle und ihre Beziehung selbst hingegen haben sie keine Worte – und brauchen sie vielleicht auch gar nicht.

Ivar ist der Erste, der einfach zuzulassen scheint, was in ihm vorgeht, ohne es explizit benennen oder definieren zu müssen. Begrifflichkeiten wie „Homosexualität“, „schwul“, gar „queer“ oder auch nur „Liebe“ in diesem Zusammenhang stehen ihnen in ihrer Zeit und Kultur nicht zur Verfügung. Entsprechend vermeidet auch die Autorin derlei Kategorisierungen, sondern tastet sich anderweitig sehr fein, genau und nachvollziehbar an die Gefühlswelt der Männer heran. So schreibt sie, Ivar verwandle sich durch die Begegnung mit John in etwas, das er in seiner vorherigen Einsamkeit „nie – oder seit langer Zeit nicht mehr – gewesen war: halb Bruder und halb Schwester, halb Sohn und halb Tochter, halb Vater und halb Mutter, halb Ehemann und halb Ehefrau“ (Seite 112). Auch in der Natur und in der dem Norn zur Verfügung stehenden Kraft zu ihrer Beschreibung findet sie plastische Analogien:

„Wäre er aufgefordert worden, seine Gefühle zu benennen, hätte er sich vielleicht eines Wortes bedient, das beschreibt, wie das Meer kurzzeitig einen Felsbrocken verschwinden lässt; wie das Wasser ansteigt und ihn komplett bedeckt, bevor es sich zurückzieht und ihn wieder freigibt.“ (Seite 79)

Carys Davies führt also in verschiedenen Variationen vor, wie Sprache Realitäten einkreisen und erfassbar machen kann, wie sich manche Realitäten aber auch der klaren Benennung entziehen können. Der Roman ist dabei aber alles andere als eine sprachtheoretische Abhandlung, sondern eine einfache Geschichte, die berührt und eine, wenn auch sehr sanfte, untergründige Spannung entwickelt.

Das Buch ist leicht zu lesen, der Ton angenehm schlicht und leise. Sehr gefallen haben mir die Beschreibungen, die sowohl die Schönheit als auch die Feindseligkeit der rauen Natur der Shetlandinseln sowie die Härten von Ivars Leben dort einfangen. Der historische Kontext ist interessant und war mir neu. Das Wort „Clearances“ – übersetzbar mit „Säuberungen“ – birgt eine Menschenverachtung, die politisch leider heute wieder offen ihr Gesicht zeigt. Dem setzt Carys Davies eine menschliche Begegnung über vermeintliche Grenzen hinweg entgegen, und das hinterlässt ein gutes Gefühl.

  • Carys Davies, Ein klarer Tag, Aus dem Englischen von Eva Bonné, btb Verlag, 224 Seiten, 14 Euro.

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