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Auf die Zumutungen unserer Zeit und Angst machende Veränderungen reagieren manche Menschen, indem sie den Blick stramm nach rückwärts richten. Den unerfreulichen Ergebnissen, zu denen strikte Logik führt, setzen sie Irrationalität und voraufklärerisches Denken entgegen. Dem anstrengenden Streit und der Übernahme persönlicher Verantwortung in der Demokratie wollen sie durch autoritäre Strukturen entkommen. László Krasznahorkai, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2025, zeichnet in seinem Roman Zsömle ist weg ein Bild solcher reaktionärer Bestrebungen, wie sie weltweit seit Jahren auf dem Vormarsch sind. Scheinbar absurd, eigentlich zu belächeln und doch Furcht einflößend ist die Geschichte des über 90-jährigen Onkel Józsi, der sich für den inkognito auf dem flachen Land versreckten legitimen König Ungarns hält.

Onkel Józsis Geheimnis

„Ich lege kein Holz mehr nach.“ Mit dieser Ankündigung – und gleichzeitig dem bei Weitem kürzesten Satz des Romans – beginnt Zsömle ist weg. Mit dem Beschluss, seinen Sparherd nicht weiter anzuheizen, signalisiert Onkel Józsi, dass er bereit ist, die Glut des Lebens allmählich erlöschen zu lassen. Verwitwet lebt der ehemalige Elektriker in einfachen Verhältnissen auf dem flachen Land. Kleine Alltagsroutinen und die Versorgung seines Hundes Zsömle bilden das Gerüst seines Daseins.

Dann aber gerät doch noch einmal etwas in Bewegung. Jószi bekommt Besuch von einer Gruppe von Männern, die sich als Vertreter diverser Organisationen mit nationalistisch/martialisch/restaurativ/esoterisch klingenden Namen vorstellen: „Ungarische Garde“, „Weltnationale Volksherrschaftspartei“, „Blut und Ehre“, „Miles Christi“, „Liga für die Ungarische Monarchie“ und mehr, die sich zu einer „Koordinierten Plattform“ zusammengeschlossen hätten. Onkel Józsi stellt fest: „Sie haben mich unabhängig von meinen Absichten, ja, gegen meine Absichten gefunden“. Vorerst, so bedingt er sich aus, solle aber ein Geheimnis bleiben, „wer ich ich bin und wo ich zu finden bin“ (Seite24). Angesprochen werden möchte er weiter schlicht als „Onkel Józsi“.

Tatsächlich aber ist der Greis selbst – und offenbar auch seine neu gewonnene Anhängerschar – fest davon überzeugt, dass er Spross eines über Jahrhunderte versteckt gehaltenen Zweigs der Árpáden-Dynastie ist, die von 1001 bis 1301 über Ungarn herrschte. Er, Józsi, sei als direkter Nachfahre von Dschingis Khan rechtmäßiger König Ungarns und 1944 sogar vom seinerzeitigen Reichsverweser Miklós Horthy – kurz vor dessen Rücktritt und Verhaftung – gekrönt worden. Sein Leben lang hat Józsi in bescheidenen Verhältnissen und „in friedlichem Abstand zur Macht“ gelebt. Für das Ansinnen seiner plötzlichen Besucher, mit ihm an der Spitze die Monarchie und damit angebliche alte nationale Werte, Moral und Größe wiederherzustellen, steht er nun aber bereit.

Angelehnt an Reichsbürger

So abwegig die Geschichte klingen mag: Ein Blick auf die realen Umtriebe von allerlei Reaktionären, Spintisierern und Geschichtsklitterern zeigt, dass es sich bei der Romanhandlung weniger um eine fantasievolle Überspitzung als vielmehr um eine treffende Gegenwartsanalyse handelt. Nicht ganz zufällig erwähnt Krasznahorkai den Namen Heinrich XIII. Prinz Reuß aus der Reichsbürgerbewegung, der an der Vorbereitung eines gewaltsamen Umsturzes in Deutschland beteiligt gewesen sein soll. Es gibt einfach kein Konstrukt, keine selbst gebastelte Theorie, die abstrus genug wären, als dass sich nicht fanatische Anhänger dafür fänden und – was noch gefährlicher ist – sie nicht auch allmählich in den Boden des allgemein Akzeptierten einsickern würden.

Bei mir persönlich rufen solche Rechtsaußen-Angriffe auf die freiheitliche Grundordnung Empörung und Zorn hervor. Krasznahorkai dagegen schlägt bei ihrer Schilderung einen milden, sanft-ironischen Ton an – wahrscheinlich auch ein wirkungsvollerer Ansatz als eine pädagogische Attitüde. Der Literatur stehen andere Mittel zur Verfügung, und die setzt Krasznahorkai meisterhaft ein.

Er führt die Aktivitäten der Möchtegern-Umstürzler humorvoll zu so manchen grotesken Auswüchsen, etwa wenn sie den angeblichen verschollenen Königsthron aus einer überaus profanen Mietswohnung retten, in der er viele Jahre als Fernsehsessel missbraucht wurde. Die Königstreuen zeichnet er als Gruppe mit sehr unterschiedlichen Motiven und Zielen. Kalkuliertes Machtstreben und Gewaltbereitschaft sind hier ebenso vertreten wie naive Romantiker, von der Moderne Abgehängte und Mitläufer. Eine besondere Pointe: Zu den „Königstreuen“ zählt auch ein Musikant namens László Krasznahorkai. Bei einem Großteil der Gruppe ist es mit der Loyalität zu Onkel Józsi aber nicht weit her. Sobald dieser von einem gehorteten Waffenarsenal der Gruppierung erfährt und sich von Plänen zu einem bewaffneten Umsturz distanziert, halten ihm nurmehr „sieben Gerechte“ die Treue.

Im Sog schier endloser Sätze

Subtil wandelt Krasznakorkai den Blick auf Józsi vom Belächeln des verschrobenen, größenwahnsinnigen Alten allmählich hin zu Empathie mit einem, der nicht etwa als König andere beherrscht, sondern vielmehr von anderen als Mittel zum Zweck missbraucht wird. Selbst die Regierung, die die Monarchisten doch eigentlich stürzen wollen – auch Józsi ist keineswegs angetan von „diesem Orbán“ – scheint in Erwägung zu ziehen, den „König“ vor ihren Karren zu spannen, und lädt ihn zu Gesprächen.

Überhaupt: Gespräche, Gerede, Geplapper, Phrasen prägen die von Karszahorkai gezeichnete Welt. Alles lässt er in nicht enden wollenden Wortkaskaden aufgeben, in der sich Rede und Gegenrede in sich über viele Seiten erstreckenden Sätzen aneinanderreihen. Anders als etwa bei Javier Marías handelt es sich allerdings um keine komplizierten Gefüge aus Haupt- und Nebensätzen, sondern um eine leicht zu lesende Parataxe, in der, nahe an der Umgangssprache, ein Satz in den nächsten übergeht. Beim Lesen entsteht die Wirkung eines Sogs, aus dem man sich schwer befreien kann – vielleicht ähnlich wie bei so mancher Verschwörungsteorie?

Roman über das Altern und den Tod

Hinter der so wortreich konstruierten „royalen“ Fassade bliebt von Krasznahorkais Protagonisten jedoch nicht mehr als das Bild eines einsamen, von der Gesellschaft fallen gelassenen alten Mannes. Seine Frau ist gestorben, das Verhältnis zur Tochter unheilbar zerrüttet. Die Solidarität der Nachbarn steht auf tönernen Füßen. Und dann ist da diese Kriegsverletzung, der Splitter im Kopf, der Onkel Józsi bei Wetterwechseln so höllische Kopfschmerzen bereitet und ihm – ein naheliegender, aber nicht ausgesprochener Schluss – eine Wahnvorstellung beschert. Es ist eine Illusion, auf der er sein Selbstwertgefühl begründet, wenn er einsam am „Komjuter“ E-Mails an den deutschen Bundespräsidenten und andere hochstehende Persönlichkeiten schreibt.

Von seinem selbst umgelegten Königsmantel entkleidet, muss Jószi aber allein den Schrecken des Todes entgegengehen: „na egal, also, ist es nicht seltsam, und das frage er jetzt, dass die Dinge einen ein Leben lang bis ins hohe Alter antreiben, während es völlig klar ist, dass man sterben wird, und zwar, sehr allgemein gesprochen, sprach er, unter Qualen und Leid und den Liebsten damit so viel Kummer bereitend, wie man ihnen Glück niemals im Leben bereitet hat“ (Seite 105). So ist Zsömle ist weg unter der Oberfläche auch ein melancholischer Roman übers Altern, die allmähliche Entfremdung von der Welt und den Tod.

Hoffnung in einer mitleidlosen Welt

Nicht umsonst endet das erste Kapitel mit dem Ableben von Józsis Hund Zsömle. Die Verbindung zu einem neu angeschafften Welpen, der ebenfalls den Namen Zsömle erhält, scheint in der Folge das einzige Band zu sein, das ihn noch an die Realität bindet. Dabei bricht Krasznahorkai freilich das sentimentale Idyll. Józsi, der eben noch mit dem Welpen gespielt hat, legt ihn im nächsten Moment an die Kette, die den Hals des Tiers aufscheuert.

Etwas Hoffnung und Wärme lässt Krasznahorkai gegen Ende in der Figur einer Medizinstudentin aufscheinen, die Onkel Józsi nicht als Thronfolger, sondern als Menschen wahrnimmt. Insgesamt aber bleibt das Bild einer abgedrifteten Gesellschaft, die entweder bereit ist, sich hinters Licht führen zu lassen und das offensichtlich Widersinnige als neue Doktrin zu akzeptieren – oder aber das Abweichende mitleidlos ausnutzt oder abkanzelt.

  • László Krasznahorkai, Zsömle ist weg, Aus dem Ungarischen von Heike Flemming, 304 Seiten, 25 Euro.

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