Home

Mit einer Kontroverse verbunden war die Veröffentlichung des kurzen Romans Wir sehen uns im August (En agosto nos vemos) von Gabriel García Márquez zehn Jahre nach seinem Tod. Kritiker werfen seinen Söhnen Gonzalo und Rodrigo García Barcha vor, sich mit der Publikation über den Willen ihres 2014 verstorbenen Vaters hinweggesetzt zu haben. Der, so berichten es die beiden Erben selbst in einem Vorwort, habe befunden, dass das Manuskript nichts tauge. Auf der anderen Seite stehen die Anhänger des kolumbianischen Nobelpreisträgers, die argumentieren: Der Nachlass eines literarischen Genies gehört zum kulturellen Erbe der Welt und darf der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden. Genauso müsse man schließlich Max Brod dankbar sein, der einst mehrere wichtige Werke seines Freundes Franz Kafka rettete, obwohl der Autor selbst verfügt hatte, die Manuskripte zu verbrennen.

Aus dem Nachlass eines Genies

Vor dem Hintergrund der Publikationsgeschichte haben viele Leser dieses letzte Werk von García Márquez wohl mit einem so oder so voreingenommenen Blick gelesen. Die einen waren begierig, nach langer Zeit noch einmal ein Meisterwerk ihres Idols in die Finger zu bekommen – und wurden womöglich enttäuscht. Die anderen suchten wahrscheinlich mit ebenso großem Eifer von vornherein nach Beweisen, dass García Márquez hier nicht an die Höhepunkte seines Schaffens heranreichte und es daher nicht legitim sei, seinen Weltruf mit einer minderwertigen Veröffentlichung zu beflecken.

Nun, jede Debatte, die die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Buch lenkt, soll mir recht sein. Gleichzeitig ist es etwas schade, wenn dadurch der Blick auf den Text an sich verstellt wird. Doch wenn man versucht, En agosto nos vemos unvoreingenommen und ohne übersteigerte Erwartungen zu lesen, dann, so meine ich, kann man daran viel  Freude haben und sich gut unterhalten fühlen.

Ich habe En agosto nos vemos als eine melancholische Geschichte übers Altern gelesen. Gemeint sind nicht die hohen, sondern die mittleren Lebensjahre, in denen man von manchen Dingen Abschied nehmen, sich einige Sackgassen im Leben eingestehen und ernüchtert Veränderungen akzeptieren muss – auch wenn man noch mal dagegen anstrampelt.

Die Frau und die Insel

Wahrscheinlich tut es der Geschichte sehr gut, dass der kolumbianische Macho García Márquez keine männliche Midlife-Crisis schildert, was leicht in peinlicher Altherrenerotik enden könnte, sondern dieses Mal die Perspektive einer Frau einnimmt. Ana Magdalena Bach – der Name der Protagonistin ist der zweiten Ehefrau von Johann Sebastian Bach entliehen – ist 46 Jahre alt und seit 27 Jahren verheiratet. Jedes Jahr am 16. August reist sie allein auf eine Karibikinsel, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen. Die hatte drei Tage vor ihrem Tod überraschend verfügt, dort auf dem kleinen alten Friedhof auf einem Hügel beerdigt zu werden. Ana Magdalena mietet sich in einem Hotel ein, kauft bei der immer gleichen Straßenhändlerin einen Strauß Gladiolen, schneidet den überwucherten Grabstein frei, legt die Blumen ab und tritt am folgenden Tag die Rückfahrt mit der Fähre an.

Die dazwischen liegende Nacht aber verläuft dieses Mal anders als sonst. In der Hotelbar lernt sie einen schmucken Herrn mit silbergrauem Haar kennen. Man unterhält sich, lauscht der Boleromusik, flirtet und landet schließlich im Bett. Am folgenden Morgen ist der Fremde verschwunden. Hinterlassen hat er lediglich einen 20-Dollar-Schein, den er zwischen die Seiten von Ana Magdalenas Buch gelegt hat. Eine Demütigung!

Bei ihrer Rückkehr hat sich Ana Magdalenas Blick auf das eigene Zuhause und den familiären Alltag mit Ehemann und zwei (fast) erwachsenen Kindern verändert. Äußerlich aber geht alles weiter wie gewohnt. Bis zum 16. August des Folgejahres, als Ana Magdalena auf der Insel ein weiteres erotisches Abenteuer erwartet.

All das könnte man nun einfach als etwas frivole, leichte Geschichte lesen. Klar, die Wucht von Hundert Jahre Einsamkeit oder Die Liebe in den Zeiten der Cholera hat dieses kurze Spätwerk nicht. Und doch habe ich in En agosto nos vemos in mancherlei Hinsicht die erzählerische Kraft des Meisters und hinter der farbenfrohen karibischen Kulisse eine weitere, tiefere Dimension von bittersüßer Traurigkeit wahrgenommen.

Lebendiges Bild aus der Karibik

Es beginnt schon mit den ersten Seiten, auf denen García Márquez mit wenigen Pinselstrichen ganz intensiv die Atmosphäre einer Karibikinsel zwischen überbordender Naturschönheit, Elend, Durcheinander und Herzlichkeit heraufbeschwört. Und dann die Details, mit denen der Autor die Ankunft seiner Protagonistin im Hotel beschreibt. Wie Ana Magdalena akkurat ihre Kleidungsstücke und Utensilien auspackt, wie sie sich den Staub und die Müdigkeit aus dem Gesicht wäscht, wie er ihre frisch geputzten Zähne und rasierten Achseln erwähnt, wie sie schließlich im Spiegel das noch immer schöne, gepflegte, doch auch alternde Gesicht einer „herbstlichen Mutter“ betrachtet: All das ist so lebendig und plastisch und verrät, dass unter der Oberfläche etwas brodelt.

Die verschiedenen erotischen Begegnungen Ana Magdalenas in den folgenden Kapiteln wirken ein wenig aneinandergereiht, sie könnten auch unabhängige Erzählungen sein. Das ist vielleicht ein Aspekt, an dem man dem Buch eine gewisse Unvollendetheit anmerkt. Hätte García Márquez, der in seinen letzten Lebensjahren unter Demenz litt, noch mehr geistige Kraft gehabt, hätte er die schönen Miniaturen eventuell noch geschmeidiger zu einem großen Ganzen verbinden können. Auch das überraschende Ende kommt etwas abrupt daher.

Andererseits finde ich es schon gelungen, wie die einzelnen Liebesabenteuer geschildert sind. Bei der Begegnung mit ihrem ersten Liebhaber übernimmt vor allem Ana Magdalena die Initiative. Beim nächsten Mal fällt ihr eine eher passive Rolle zu, sie wird mehr oder minder ausgetrickst, doch sie lässt sich auf diese Rolle ein. Bei anderen Gelegenheiten scheitern die sich anbahnenden Affären. Völlig erfüllend und befriedigend ist jedenfalls keine der erotischen Eskapaden. Sie erzählen vielmehr unterschwellig von Bedürfnissen und Wünschen, die die scheinbar glückliche Ehe bei Ana Magdalena unerfüllt gelassen haben.

Ausbruch in der Mitte des Lebens

Es ist psychologisch überzeugend, wie Ana Magdalena sich eingestehen muss, wie sehr sie in ihrer Ehe zurückstecken musste. Ihr Studium der Geisteswissenschaften hat sie aufgegeben, ihr eigenes Ich hat sie bis zur Verschmelzung mit dem Ehemann aufgegeben, sexuell nie einen anderen gekannt als ihn. Der versuchte Ausbruch und Neubeginn in der Mitte des Lebens aber will nicht so recht gelingen. Am Ende liegt sie weinend im Bett, unglücklich, als Frau in einer Welt der Männer zu leben. Da hat offenbar ein lateinamerikanischer Patriarch in der letzten Lebensphase noch seine feministische Seite entdeckt.

Sehr gut gefallen hat mir auch, wie García Márquez zur Erfahrung des Alterns seiner Protagonistin auch die unaufhaltsamen Veränderungen auf der karibischen Insel parallel setzt. Musste man anfangs noch in einfachen Booten durch eine stürmische See dorthin übersetzen, gibt es später komfortable Fähren. Steigt Ana Magdalena zunächst noch in einem einfachen heruntergekommen Hotel ab, entstehen im Lauf der Jahre überbuchte Bettenburgen aus Glas und Stahl. Die einst verschlafene, aber herzliche Blumenverkäuferin, wird geschäftstüchtiger und widerwilliger. Das Ungezähmte und Authentische verschwindet – aus der Gesellschaft wie aus Ana Magdalenas Leben.

All das macht En agosto nos vemos zu einem runden literarischen Werk, stimmungsvoll, kurzweilig und mit einer Prise Nachdenklichkeit, das ich sehr gern gelesen habe. Ich finde es richtig, dass die Erben den Lesern diesen Aspekt im Schaffen ihres Vaters nicht vorenthalten haben.

Sohn nimmt in einem Buch Abschied

Die Beschäftigung mit diesem Nachlassfund hat mich noch inspiriert, zu dem Buch Gabo y Mercedes: una despedida (deutscher Titel: Abschied von Gabo und Mercedes. Erinnerungen an meinen Vater Gabriel García Márquez) zu greifen. Darin schildert Rodrigo García Barcha, selbst erfolgreicher Regisseur und Drehbuchautor in Hollywood, wie er den Tod des Vaters erlebt hat: die letzten Tage, die Nachricht von seinem Tod, die folgende Einäscherung, das Zusammenkommen von Freunden und Familie, die Trauerfeier. Sprachlich klar und mit viel Feingefühl beschreibt er, wie sich der Abschied von den Eltern anfühlt und was man als Angehöriger während solcher surreal wirkenden Tage durchlebt. Das beinhaltet einige markante Szenen und Bilder, etwa die Feststellung: Hat man seine Eltern verloren, dann ist es, als würde man zum Himmel blicken und dort einen hellen Stern, der ein Leben lang da war, nicht mehr wiederfinden.

Nicht erfüllt wurden dagegen meine Erwartungen, etwas mehr Biografisches über García Márquez, seine Ehe mit Mercedes oder auch die Umstände der Entstehung von En agosto nos vemos zu erfahren.

Die Liebe und der Respekt, die aus dem Buch sprechen, verbieten auf jeden Fall jegliche Unterstellung, dass Rodrigo und Gonzalo García mit der Veröffentlichung von En agosto nos vemos das Andenken an ihren Vater gering geschätzt hätten.

  • Gabriel García Márquez, En agosto nos vemos, Debolsillo, 135 Seiten.
  • deutsche Ausgabe: Gabriel García Márquez, Wir sehen uns im August, Deutsch von Dagmar Ploetz, Fischer Taschenbuch, 144 Seiten, 14 Euro.
  • Rodrigo García, Gabo y Mercedes: una despedida, Traducción de Marta Mesa, Random House, 130 Seiten.
  • deutsche Ausgabe: Rodrigo García, Abschied von Gabo und Mercedes: Erinnerungen an meinen Vater Gabriel García Márquez, Deutsch von Elke Wehr, Kiepenheuer & Witsch, 176 Seiten, 22 Euro.

Kommentar verfassen